Brigitte Weber

Architektin

Aufgewachsen in der 2.000-Einwohner-Gemeinde Sulz in Vorarlberg hat sie die Skyline einer Millionenmetropole entscheidend geprägt: Brigitte Weber ist nämlich die Architektin der „Trump-Towers“ im Istanbuler Nobelstadtteil Şişli. Seit deren Eröffnung hat sie mehrere Großprojekte am Bosporus verwirklicht. Die Sulnerin lebt mittlerweile seit über 20 Jahren in der Türkei und ist dort bis heute die einzige ausländische Person, die als vollwertige Architektin zertifiziert ist. Brigitte Weber ist Trägerin des Goldenen Ehrenzeichens für die Verdienste um die Republik Österreich.

Die Architektin hat uns zum Interview für „Schwarz auf Weiß“ in ihr Haus nach Hörbranz eingeladen. Sie ist gerade ein paar Tage in Vorarlberg, um ihre Freunde und Familie – vor allem ihre 93-jährige Mutter – zu besuchen. Die Architektin wohnt hier in einem sehr offenen, geradlinigen Gebäude mit sehr viel Glas. Keine Vorhänge. „Ganz bewusst“, erklärt Brigitte Weber und lässt uns in einem sehr offenen Gespräch erkennen, warum das gut zu ihr passt:

Titelfoto: © AHU SAVAN AN

Nesthäkchen mit kreativem Antrieb

Brigitte Weber ist mit zwei älteren Brüdern aufgewachsen, „wobei man bei einem Altersunterschied von mehr als zehn Jahren wohl eher von einem Aufwachsen als Einzelkind sprechen kann“, korrigiert sich die Anfang-50-Jährige. Sehr frei sei sie aufgewachsen, mit sehr wenigen Beschränkungen: „Meine Eltern haben nie Druck auf mich ausgeübt. Ich war ein Nesthäkchen, dessen Brüder schon sehr viel vorbereitet haben – sie haben also alles schon gemacht, was man nicht sollte, deshalb habe ich als Kind gar nicht mehr so kämpfen müssen und konnte mich dadurch auch sehr eigenständig entwickeln. Als Einzelkind musste ich mich sehr viel mit mir selbst beschäftigen. Und ich hatte eigentlich immer etwas zu tun.“ Wie beispielsweise nähen und stricken, erzählt sie, das habe sie sich von ihrer Mama abgeschaut: „Ich habe mir schon als Neunjährige meine eigenen Klamotten genäht. Furchtbar natürlich, kaum zum Anziehen“, lacht sie, „aber immer aus eigenem Antrieb. Also auf dem kreativen Trip war ich schon immer. Puppen war für mich weniger zum Spielen da, als vielmehr zum Gestalten und Anziehen und um ein Häuschen drum herum zu bauen. Ich habe auch mein Zimmer ständig um- und neugestaltet und meine Möbel angemalt. Das hat mich schon sehr früh gereizt“.

Weltoffen und neugierig

Die eigenen vier Wände waren für Brigitte Weber bald nicht mehr genug, „ich habe mich immer schon sehr dafür interessiert, was in anderen Teilen der Welt passiert. Meine Mutter hat mir erzählt, dass wir einmal nach Feldkirch gefahren sind. Da war ich fünf Jahre alt. Eine große Stadt, wenn man von Sulz kommt, wo rund 2.000 Menschen leben. Schon damals habe ich gesagt, dass ich bestimmt einmal in so einer großen Stadt wohnen werde“. Feldkirch ist es dann zwar nicht geworden, aber zunächst Innsbruck, Wien und schließlich Istanbul. Brigitte Weber hat ihre Lebensstationen immer weiter in den Osten verlagert, in immer größere Städte. „Das war schon als Kind in mir, dass ich nicht so wirklich in einem kontrollierten und eingeschränken Umfeld leben möchte. Dieser Ruf der großen weiten Welt mit all seinen Möglichkeiten und dem sich-nicht-rechtfertigen-Müssen, den hab ich schon als Kind gehört!“

Ein Studium der Architektur hingegen stand noch lange nicht einmal zur Debatte, erzählt Brigitte Weber: „Mich hat damals eher Mode interessiert. Ich hatte immer schon den Drang, etwas selbst zu machen, etwas zu verwirklichen.“ Ein Beruf mit Mode ist es allerdings dann doch nicht geworden, „weil dieses kreative Umsetzen von Kleidung etwas für mich war, das ich schon als Kind gemacht habe. Deshalb war das für mich mehr etwas Selbstverständliches, das mir leicht gefallen war und weniger ein Beruf. Ich war der Überzeugung, dass der eigene Beruf etwas Schwieriges sein sollte, etwas Herausforderndes, etwas, wofür man lernen muss. Ich hatte das Gefühl, in der Gestaltung von Mode bereits sattelfest zu sein“. Die Architektin hat bis in ihre 30er kaum etwas zum Anziehen gekauft – ausgenommen Schuhe und Taschen – alles andere hat sie sich selbst genäht, gehäkelt und gestrickt. „Auch für andere habe ich – noch während meines Studiums – Kleidung entworfen und umgesetzt. Es war mir damals noch nicht wirklich bewusst, dass es natürlich auch in diesem Bereich noch unzählige Ausbaumöglichkeiten gegeben hätte. Heute würde ich vermutlich eher Mode studieren“, denkt Brigitte Weber laut nach.

Vom Fremdenverkehr zur Architektur

Brigitte Weber hat also das Gymnasium abgeschlossen – „übrigens den musischen Zweig im BORG, obwohl ich gar nicht musikalisch begabt bin, ich halte mich selbst sogar für ziemlich unbegabt, was mir meine Professoren auch alle bestätigt haben“, wirft sie selbstkritisch ein. Nach der Matura wusste sie noch nicht so wirklich, wohin es gehen sollte, und sie begann das Fremdenverkehrscollege in Innsbruck. „Das war, im Nachhinein betrachtet, gar nicht schlecht. Denn erstens kam ich aus Vorarlberg raus und zweites habe ich dort wirklich viel gelernt, was ich Jahre später sehr gut brauchen konnte.“ Nach einem halben Jahr am College hat sie in Innsbruck Architekten kennen gelernt, und deren Arbeit habe sie derart fasziniert, dass für sie ganz klar war: „Das werde ich studieren! Aber ich als typische Vorarlbergerin hatte natürlich Bedenken wie Was, wenn es schief geht? Was, wenn es nicht klappt? Und: Wenn man etwas anfängt, dann macht man es doch auch fertig! Also habe zunächst ganz brav das College zu Ende gemacht, die zwei Jahre durchgezogen und mich nebenher bereits für das Architekturstudium vorbereitet. Ich dachte mir, dass ich die Kenntnisse der HTL-Absolventen aufholen müsste. Als ich dann bei der Diplomübergabe gefragt wurde, was ich denn jetzt mit meinem College-Abschluss anfangen wollte, habe ich von meinen Plänen erzählt. Der Professor war völlig von den Socken.“

Danach ist Brigitte Weber nach Wien gegangen, um Architektur zu studieren. Sie hat gemerkt, dass sie sich in den anderthalb Jahren ziemlich viel, nämlich mehr als genug, an Vorkenntnissen angeeignet hatte. „Damals hat das Studium im Durchschnitt noch zwischen neun und zehn Jahre gedauert. Ich kenne viele, die noch länger studiert haben. Wir konnten damals noch sehr frei und ohne Druck studieren – dafür musste man allerdings auch sehr selbständig sein. Und wir haben alle nebenher gearbeitet und bei Wettbewerben mitgemacht. Die, die das Studium schlussendlich fertig gemacht haben, waren wir dann auch nicht nur Theoretiker, sondern hatten sehr viel praktische Erfahrung.“ Dadurch konnte Brigitte Weber nach Abschluss ihres Studiums auch gleich in einem Architekturbüro mitarbeiten.

Der Wunsch nach Eigenständigkeit

Brigitte Weber schwärmt im Rückblick auf ihre ersten Arbeitsjahre noch heute von der „tollsten Projektleiterin, die man sich vorstellen konnte: Elke Delugan-Meissl. Ihr Büro ist eines der besten, das Österreich zu bieten hat. An ihrem Beispiel habe ich gesehen, dass man als Frau in dieser Branche sehr wohl auch als Führungskraft bestehen kann. Von ihr habe ich viel gelernt, und wir sind bis heute in Kontakt geblieben.“

Während dieser Zeit hat Brigitte Weber einen Architekturstudenten aus der Türkei kennen (und lieben) gelernt. Relativ schnell festigte sich bei den beiden der Wunsch nach einem eigenen Büro. „Und wir haben uns vorgenommen, es auch irgendwann tatsächlich zu gründen. Im Nachhinein betrachtet, hätte es durchaus auch Freundinnen gegeben, mit denen ich an den Plänen eines eigenen Büros arbeiten hätte können! Ich war damals noch zu jung, um mir in diese Richtung Gedanken zu machen: Es wäre mir damals nicht einmal in den Sinn gekommen, dass es dazu ja nicht unbedingt einen männlichen Geschäftspartner braucht. Ich wünsche mir, dass viel mehr Frauen den Mut aufbringen würden, sich gegen Vorurteile dieser Art durchzusetzen“, reflektiert die Architektin heute.

Stinkende Kohleheizungen und kalte Winter

Als Brigitte Weber und ihre Partner ihre Pläne, etwas Eigenes aufzubauen schon fast wieder aufgegeben hatten – zu lange schien der Weg über die fünf erforderlichen Praxisjahre und anschließender Ziviltechnikerprüfung, „kam mein Freund eines Tages zu mir und sagt: Ich bin heute Nacht aufgewacht und weiß jetzt, was wir machen: wir gehen in die Türkei!“ Brigitte Weber kann sich noch gut erinnern, dass sie zunächst einmal nur gelacht hat. „Was sollte ich in der Türkei? ich wusste von dem Land rein gar nichts! An der TU Wien haben zwar recht viele Türken aus wohlhabenderen Häusern studiert, da konnte ich schon ahnen, dass es auch eine andere Seite der Türkei geben musste, als jene, die ich von den damaligen Gastarbeitern vermittelt bekommen habe. Mein Freund beispielsweise war sehr gebildet, sprach perfekt Deutsch mit Wiener Akzent.“

Die beiden sind dann tatsächlich nach Istanbul geflogen. Im Winter: „Istanbul im Winter war damals nicht sehr einladend: kalt, schlechte Luft aufgrund der vielen Kohleheizungen. Grausig. Das war keine Option für mich. Allerdings hatte ich in der kurzen ersten Zeit in der Türkei bereits einige tolle Menschen kennen gelernt, und es hat mich nicht mehr losgelassen. Die Gesellschaft, in die ich gekommen bin, war schon eher die upper Class von Istanbul“, fügt Brigitte Weber ein. „Und als wir dann im Sommer zu den Eltern meines Freundes in deren Haus auf den wunderschönen Prinzeninseln eingeladen wurden, habe ich auch die kitschig-schöne Seite der Türkei erlebt. Danach habe ich gesagt: Ich bin dabei!

Kompromissloser Neuanfang

Brigitte Weber bezeichnet sich selbst als Mensch, der, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, sich nur ganz schwer davon abbringen lässt. „Das zieht sich durch mein Leben durch. Und ich bin dann auch relativ kompromisslos. Wenn mich die Menschen fragen, wie ich das damals als Frau in der Türkei gemacht habe, dann sage ich immer: Ich bin hingegangen, habe das gemacht, was ich wollte und dann hat es auch funktioniert. Ich glaube, man muss einfach hundertprozentig dahinter stehen. Die Schwäche dabei ist natürlich, dass man dann schon auch mal die eine oder andere Grenze überschreitet und eine gewisse Blindheit entwickelt, wenn man einen Weg so gerade gehen will“, sagt Brigitte Weber selbstkritisch und fügt hinzu, dass sie sich in solchen Fällen immer wieder auf gute Freunde verlassen muss, „und das nehm ich dann auch sehr ernst. Meine Freunde haben nämlich die Fähigkeit, mich in dieser Kompromisslosigkeit in die Realität zurückzubringen. Und da kann ich schon darauf hören. Vielleicht nicht immer im Moment – aber kurz danach schon“, lächelt sie. „Und dieses Feedback ist ganz wichtig und ich empfinde es auch als Stärke, dass ich mich auf Kritik einlassen kann.“

Brigitte Weber; Foto: ©AHU SAVAN AN

Brigitte Weber; Foto: ©AHU SAVAN AN

Diese Kompromisslosigkeit erfordert allerdings dann auch, auf gewisse Dinge zu verzichten oder sich selbst umzustellen: „Ich habe mir damals vorgenommen, künftig in einem Land zu leben, in dem nicht immer alles so einfach ist. Ich war eine Ausländerin in einer völlig anderen Kultur. Mit anderer Religion, anderer Mentalität, weit weg von zuhause. Dass ich meine Familie mehr emotional als physisch empfinden kann, das ist auch ein gewisser Kompromiss, den ich eingehen muss, um dort zu leben, wo ich es will. Ich bin von meiner Familie viele Jahre lang recht weit entfernt gewesen und habe daher nicht so viel psychologische oder soziale Unterstützung bekommen können, als wenn ich in Vorarlberg oder Österreich geblieben wäre. Da gibt es dann eigentlich nur zwei Wege: entweder zurück gehen oder sich selbst eine neue Familie aufbauen.“

Umzug als Freiheit

Und Brigitte Weber hatte die Gabe, nicht nur ihre angeborene Verwandtschaft als „Familie“ zu akzeptieren, sondern auch jene Menschen zu meinem engsten Umfeld zu zählen, die sie schätzt und mag. „Das hat mich sehr geprägt. Es ist auch zu einem gewissen Grad eine Freiheit, sich die eigene Familie bewusst auszuwählen. Diese Freiheit hat man vermutlich weniger, wenn man sein ganzes Leben in ein- und demselben Umfeld verbringt. Das kann einen schon bremsen…“. Ihren Umzug in die Türkei hat Brigitte Weber unter diesem Aspekt als große Freiheit erlebt: „Es war eine Befreiung von allem. Von dem, was mich gestört hat. Aber auch von dem, was ich geschätzt habe. Ich bin ja relativ spät weggegangen. Mit 30. Da hat man schon eine gewisse Prägung. Um ein neues Leben in einem anderen Land zu beginnen, ist das relativ spät – spät oder doch vielleicht genau die richtige Zeit, weil man da schon ein wenig gefestigt ist. Ich jedenfalls wusste zwar noch nicht genau, was ich wollte, aber ich wusste ganz genau, was ich nicht wollte!“ Für Brigitte Weber war von Beginn an klar, dass jeden Tag Flugzeuge zurück nach Österreich fliegen. Dieses Hintertürchen habe zwar immer bestanden, „aber das macht man sich dann immer weiter zu, je mehr man sich ein Leben in der neuen Heimat aufbaut“. Definitiv umgezogen ist Brigitte Weber im April 1995 und hat eine tolle, wenn auch nicht ganz einfache erste Zeit in Istanbul erlebt:

Türkischlernen auf der Baustelle

Eine Bankzentrale war das erste Projekt, an dem Brigitte Weber und ihr Partner bis zur Gründung ihres eigenen Büros ein paar Monate mitgearbeitet haben: „Mein Glück war, dass dort alle englisch gesprochen haben, ich habe also das erste Jahr noch wie unter einer Glocke gelebt, die noch nichts mit der Türkei zu tun hatte“, erzählt die Architektin. Erst als sie dann für eine Freundin ein 20-Quadratmeter-Kleidergeschäft geplant hat, begann ihre eigentliche Arbeit: „Da die Baustelle mehr und mehr auf meinen Schultern lastete, weil mein Freund nebenher an anderen Projekten arbeitete, war ich gezwungen, mich irgendwie mit den türkischen Mitarbeitern zu verständigen. Ich erinnere mich noch gut an den 1, 50 Meter großen Baumeister von der Schwarzmeerküste, einer mit klassischem Schnurrbart. Mit Händen und Füßen haben wir die Baustelle hingebogen. Reißt das wieder ab, war vermutlich der erste Satz, den ich auf Türkisch sagen konnte“, lacht sie.

Sie persönlich habe nie erlebt, dass sie als Frau benachteiligt worden wäre. Auch nicht auf der Baustelle, einer Männerdomäne: „Ich habe mir aber von Anfang an nie einreden lassen, dass ich als Frau weniger kann und weiß. Ich habe das gar nicht als Option betrachtet. Und dann hat man auch schon einen gewissen Schritt gesetzt, glaube ich. Bildung spielt eine große Rolle, das hat mich als Frau quasi zum Neutrum gemacht. Wenn ich auf der Baustelle mit Arbeitern zusammen an einem Projekt arbeite, dann bin ich die Gebildete, die die Vorgaben macht, diejenige, die sich auskennt. Und das akzeptieren die Männer. In diesem Fall akzeptieren sie eine Frau als Leiterin, als jemand, die Entscheidungen treffen kann, weil sie es gelernt hat.“ Objektiv gesprochen und abgesehen von ihrer Arbeit und ihrem Umfeld, erkennt Brigitte Weber ganz deutlich die gespaltene Gesellschaft in der Türkei: „Die Frau vom Dorf, auf dem Land hat nur innerfamiliär die Hosen an. In der Gesellschaft, in der Öffentlichkeit ist sie aber die Unterdrückte.“ In der Türkei seien insgesamt sehr viele Frauen berufstätig – und zwar nicht nur jene aus den oberen Schichten: „Die Frauen müssen deshalb nicht Kinder und Familien aufgeben. Das würden sie niemals wollen. Hinter den Frauen steht immer eine Familie, die sie unterstützt. Familienverbundenheit ist hier Druck und Chance für die Frauen zugleich.“

Einzige zertifizierte Architektin aus dem Ausland

Die ersten Aufträge, mit denen es Brigitte Weber nach ihrer Anfangszeit zu tun bekam, waren Restaurants, Lokale und Geschäfte. „ Unsere Art, zu gestalten hat sich herum gesprochen. Ich bin dabei meinem Stil treu geblieben. Das, was die einheimischen Innenarchitekten machen, das kann ich gar nicht. Und ich wollte auch nie etwas oder jemanden kopieren. Das liegt nicht in meinem Naturell.“ Nach ungefähr drei Jahren hat Brigitte Weber gemerkt, dass sie ihre Projekte de facto auch selbständig umsetzen könnte – ohne ihren Partner, der zu dieser Zeit bereits in eine etwas andere Richtung entwickelt hatte, erzählt sie. „Ich hatte allerdings zunächst noch keine offizielle Erlaubnis vom Land, als Ausländerin in der Türkei alleine zu agieren. Also sind wir für den offiziellen Teil meiner Projekte geschäftlich verbunden geblieben. Jeder von uns hatte allerdings sein eigenes Büro. Als ich so dann meine eigenen Entscheidungen treffen konnte, kamen immer mehr Aufträge. Und es wurde immer mehr und mehr.“

Reitclub Istanbul, Architektin: Brigitte Weber; Foto: ©CEMAL EMDEN

Reitclub Istanbul, Architektin: Brigitte Weber; Foto: ©CEMAL EMDEN

Im Jahr 2005 hat Brigitte Weber dann die lang ersehnte Berechtigung bekommen, als vollwertige und eigenständige Architektin zu arbeiten. „ Ich bin bislang die einzige Person – weiblich wie männlich – aus dem Ausland, die in der Türkei diese offizielle Erlaubnis hat, Bauprojekte offiziell und eigenmächtig zu unterschreiben. Das verdanke ich auch einer Gesetzesänderung, die damals im Zusammenhang mit der EU-Annäherung in Kraft getreten ist. Dazu kam, dass bei mir als Vorarlbergerin niemals auch nur das unwichtigste Dokument gefehlt hat“, lacht sie, „jeder Stempel, jede Marke, jedes Papier habe gestimmt“. Von da an hat sich das Leben von Brigitte Weber komplett verändert. Denn ab diesem Zeitpunkt konnte sie endlich eigenständig Architektin sein.

Eine Illusion wird Realität – die Trump Towers

Und ihre Berechtigung kam gerade noch rechtzeitig, um eines der wichtigsten Bauprojekte in ihrer Karriere umzusetzen: „Ich hatte das Angebot bekommen, eine Bebauungsstudie zu machen“, erzählt Brigitte Weber: „Also ein Papier, das Behörden und Bauherren informieren soll. Es war ein etwas größeres Projekt: zwei riesige Towers, ein Einkaufszentrum mitten im Zentrum von Istanbul. Eine Illusion, da hab ich mir nichts vorgemacht. Ich dachte, dass der Architekt, der das schlussendlich umsetzen durfte, eh alles wieder umgestalten würde.“ Plötzlich kam allerdings – fast zeitgleich mit der Information, dass das mit der Architekten-Erlaubnis klappen könnte – der Anruf, dass Bauherr und Behörde ihr Projekt genauso umsetzen wollen, wie Brigitte Weber es geplant hatte. „Das erste Projekt, das ich als Architektin in der Türkei tatsächlich unter meinem Namen gebaut habe, waren also die Trump Towers. Ein Mega-Projekt mit 260.000 Quadratmetern. Mitten in der Stadt. Das verändert die Silhouette. Eine Mordsverantwortung. Ich habe jetzt im Rückblick noch Respekt davor!“

Fotohinweise:
„Trump Towers“ Istanbul, Architektin: Brigitte Weber; Foto: ©CEMAL EMDEN

Heute, im Jahr 2017, betrachtet Brigitte Weber ihre Zusammenarbeit mit der US-Familie Trump natürlich aus einem erweiterten Blickwinkel. „Jedenfalls muss man schon unterscheiden, ob jemand ein Geschäftsmann ist oder ein Politiker oder gar der Amerikanische Präsident.“ Brigitte Weber hat Donald Trump als Geschäftsmann erlebt, nicht als Investor – das Projekt ihn Istanbul gehört ihm nicht – aber er lieferte das Knowhow: „Ein Trump-Gebäude muss bestimmte Kriterien erfüllen. Das geht bis ins Detail: beispielsweise steht genau fest, wie dick der Marmor sein darf, die Raumhöhe ist vorgeschrieben, die Duscharmaturen, jedes Schlafzimmer muss ein Bad haben – Luxus über Luxus! Damals jedenfalls war das Projekt Trump Towers eine große Prestigesache – auch in Österreich.“ Brigitte Webers Erfolg wurde damals in vielen Österreichischen Medien bestaunt. „Obwohl Donald Trump damals schon als Geschäftsmann für viele ein Rotes Tuch war“, erinnert sich die Architektin.

Am Verhandlungstisch mit Ivanka Trump

Brigitte Weber ist Donald Trump selbst – abgesehen von der Eröffnungsfeier im Jahr 2012 – nur einmal persönlich begegnet. Sie hatte vor allem mit seiner Tochter Ivanka zu tun, ihr erstes Zusammentreffen wird ihr wohl in Erinnerung bleiben: „Ich musste nach New York fliegen. Dort, im vierten Stock des legendären New Yorker Trump Tower habe ich am Marmortisch gesessen und sollte das Projekt präsentieren. Dann ist Ivanka Trump erschienen. Eine Frau mit ewig langen Beinen, im Designerkleid, perfekt geschminkt und gestylt und: mit viel Köpfchen! Die Arroganz der Europäer, mit der ich dem Treffen mit ihr zunächst entgegen gesehen habe, ist mir da schnell – und zwar gleich nach dem ersten Satz – vergangenen. Sie ist eine schöne, kluge, hochintelligente Frau, eine Diplomatin mit Überzeugungskraft und Persönlichkeit. Durch und durch Geschäftsfrau. Allerdings hatte sie auch großen Respekt uns gegenüber gezeigt. Und es klingt absurd: Sie kam bei alledem sehr natürlich rüber. Während unserer Arbeit sind immer wieder Vertreter der Trump-Organisation bei uns auf der Baustelle und im Büro aufgetaucht, alles lief über ihren Tisch. Übrigens: Ivanka Trump arbeitet mit sehr, sehr vielen Frauen zusammen.“

Rückkehr nach Vorarlberg nicht ausgeschlossen

Nach den „Trump Towers“ hat Brigitte Weber mit mehreren großen Folgeprojekte nachgelegt (hier geht es zur Homepage der Architektin), darunter hauptsächlich Wohnbauten, Geschäfts- und Einkaufshäuser. „Damals hatte ich keine Zeit für ein Privatleben, es hat immer weiter gearbeitet im Kopf, weil ich noch nicht gelernt hatte, abzuschalten. Heute, nach so viel Erfahrung, spüre ich den Zeitpunkt, an dem man aufhören soll zu planen. Denn man kann auch zu viel tun, dann kippt alles ins Negative.“

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„Next Level“ Ankara“, Architektin: Brigitte Weber; Foto: ©CEMAL EMDEN

Vor drei Jahren ist sie mit dem „Goldenen Ehrenzeichen um die Verdienste der Republik Österreich“ ausgezeichnet worden. Die Verleihungszeremonie fand im Österreichischen Generalkonsulat in Istanbul statt: „Das war vielleicht ein Fest!“, schwärmt die Architektin noch heute. „Eine schöne Wertschätzung. Meine türkischen Freunde waren beeindruckt, dass mir mein Geburtsland so viel Respekt zollt. Das sei Zivilisation, sagten sie. Und: Wir beneiden dich dafür, dass dein Land deine Leistung so offiziell schätzt.“

„Next Level“ Ankara“, Architektin: Brigitte Weber; Foto: ©CEMAL EMDEN

„Next Level“ Ankara“, Architektin: Brigitte Weber; Foto: ©CEMAL EMDEN

Über 20 Jahre war die Türkei die Heimat von Brigitte Weber. Noch viel länger schon wohnt sie nicht mehr in Vorarlberg. Sie fühle sich nicht an Orte gebunden, „ich nehme mich selbst ja überallhin mit, komme aus mir selbst ja nicht raus“, erklärt sie schmunzelnd. Vor fünf Jahren hat sie sich in Hörbranz in Vorarlberg ein Haus gekauft – auch um der 93-jähren Mama, der gut befreundeten Cousine und überhaupt der Familie nahe zu sein. Seither habe sich auch Vorarlberg gegenüber wieder das „alte Heimatgefühl“ stark gemacht. „Mein Lebensmittelpunkt bleibt aber vorerst die Türkei. Noch haben die politischen Wirren dort keine Auswirkungen auf mein berufliches oder gar privates Leben.“ Momentan arbeitet Brigitte Weber an einem 460.000 Quadratmeter großen Wohnbau in Ankara. Sie kann sich aber vorstellen, irgendwann wieder zu ihren Wurzeln zurück zu kehren und dann ganz etwas anderes zu machen. Was, das wollte uns Brigitte Weber noch nicht verraten. Nur so viel: mit Mode hat es nichts zu tun…

Verfasst im November 2017

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