Susanne Schmidt

Operndirektorin

Die gebürtige Kölnerin lebt und arbeitet seit elf Jahren in Vorarlberg. Als Operndirektorin der Bregenzer Festspiele ist sie – in enger Zusammenarbeit mit der Intendantin und den Regisseuren – für die Auswahl der Sänger in den Festspielproduktionen auf der See-, Festspielhaus- und Landestheaterbühne verantwortlich. Susanne Schmidt hat zuvor für renommierte Häuser und Produktionsfirmen in New York, London und Venedig gearbeitet.

Trotz schwüler Frühsommerhitze und bevorstehender „heißer Probenphase“ bei den Bregenzer Festspielen treffen wir Susanne Schmidt leicht und fröhlich-beschwingt in ihrem Büro in Bregenz an. Sie liebt ihre Arbeit, das wird schnell klar, und wenn es gerade viel zu tun gibt, dann ist es eben „viel von dem, was ich gerne mache“.

Titelfoto außen: Anja Köhler
Titelfoto innen: Hanspeter Schiess

Mit klassischer Musik aufgewachsen

Susanne Schmidt ist – von Vorarlberg aus gesehen – auf der anderen Seite des Rheins aufgewachsen, am Stadtrand von Köln, mit zwei Geschwistern und von viel Kultur umgeben: „Ich habe schon sehr früh, nämlich als ganz junge Schülerin, das Kulturleben von Köln genossen und auch ungewöhnlich früh Klassik gemocht. Das heißt, ich hatte eigentlich immer schon dieselbe Leidenschaft, die mich dann auch in dieses Metier gebracht hat, in dem ich heute arbeite“, erzählt die Operndirektorin. Susanne Schmidt hat unter anderem Blockflöte und Klavierspielen gelernt, „und die Klavierlehrerin war ganz begeistert davon, dass ich Klassik spielen wollte und nicht, wie die meisten anderen, Popsongs“.

Zudem hat sie viel klassische Musik zu Hause bei ihren Eltern gehört: „Die hatten so eine wunderschöne Routine, dass man abends noch eine Platte auflegt, dazu vielleicht ein Glas Wein genießt und so den Abend ausklingen lässt. Dadurch habe ich früh viel gehört. Es mag eine Frage der Hörgewohnheit sein“, philosophiert sie im Nachhinein, allerdings seien ihre beiden Geschwister nicht so Klassik-verbunden wie sie. „Die kommen zwar alle zwei Jahre mal nach Bregenz, um sich die Oper anzuhören, aber so Klassik-verrückt wie ich sind sie nicht. Meine Eltern haben mich sehr früh allein mit der Bahn nach Köln fahren lassen, wenn ich in die Oper und zu Konzerten gehen wollte. Wenn ich heute sehe, wie Kinder überallhin chauffiert werden, dann kann ich das für meine Kinderzeit nicht wiedererkennen. Da hatten wir noch mehr Freiheit…“.

Sängerin oder Pianistin oder doch hinter die Bühne?

Die Sehnsucht, ihre Leidenschaft auch zum Beruf zu machen, kam dementsprechend früh, wobei für Susanne Schmidt zunächst noch offen stand, ob sie nicht selbst Musikerin oder Sängerin werden könnte und wollte. „Ich hatte dann aber – vielleicht zum Glück – Ärger mit meinen Stimmbändern, bekam kleine Knötchen. Der HNO-Facharzt war dann auch sehr streng und meinte deutlich, dass ich keine Karriere darauf aufbauen sollte, wenn ich nicht unglücklich werden wollte. Das war damals richtig schwierig für mich“, erzählt die Ende-50-Jährige heute: „Es hat nämlich auch bedeutet, dass ich eine Zeit lang gar nicht mehr singen durfte.

Im Nachhinein bin ich diesem HNO-Arzt aber dankbar, weil er einfach Recht hatte. Jetzt stehe ich auf der anderen Seite des Zauns und sehe, unter welchem enormen Stress die Sänger ohnehin schon stehen. Und wenn dann noch ein Hauptteil deines persönlichen Instruments nicht ganz funktionstauglich ist, dann hat man wohl sehr viele Probleme.“ Susanne Schmidt hat danach beschlossen, einen Job hinter der Bühne anzustreben, hat Musikwissenschaften studiert und nebenbei an einem kleinen Theater gearbeitet. Allerdings hat sie da recht schnell den Eindruck gewonnen, nicht wirklich auf das Berufsleben vorbereitet worden zu sein. Susanne Schmidt hat also noch eine kaufmännische Ausbildung mit Fremdsprachen angehängt, und ein paar Monate bei Ford in Köln als Sekretärin gearbeitet, „einfach um mein erstes Geld zu verdienen. Außerdem wurde da viel Englisch gesprochen, das kam mir sehr entgegen, weil ich eh vorhatte, ins Ausland zu gehen. Ich wollte die Sprache so perfektionieren, dass sie mir keiner mehr wegnehmen kann“.

New York, Hamburg, London

Susanne Schmidt nennt es selbst „ein Glück, ein paar Mal zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle gewesen zu sein“. Als sie nämlich wenig später in New York landete, kam sie bei einem der international größten Medienunternehmen unter, nämlich bei „Bertelsmann“ mit Sitz in Nordrhein-Westfalen. „Dort bin ich nach kurzer Zeit in den Klassik-Bereich reingerutscht, genau dorthin, wo ich ohnehin immer schon hinwollte. Das waren spannende vier Jahre in New York!“ Susanne Schmidt war zu der Zeit persönliche Assistentin des weltweit tätigen Klassik-Chefs, und damit hatte auch sie mit den Kollegen rund um den Erdball zu tun. „Ich habe in dieser Zeit viele Kontakte geknüpft. Mein Chef von damals war übrigens Bad Schachener, und mit seiner Witwe, die heute in Lindau lebt, habe ich immer noch regelmäßig Kontakt. Wir gehen beispielsweise gemeinsam in die Kinoübertragung der Metropolitan Opera und schauen immer, ob wir irgendwen im Publikum kennen“, lacht Susanne Schmidt.

Rückblickend sei diese Zeit allerdings nicht nur sehr spannend, sonder auch ein „Tanz auf dem Vulkan gewesen“. Die Schallplatte erlebte zwar noch einmal eine Art Renaissance, weil durch das Aufkommen der CD wieder viele alte Aufnahmen neu herausgebracht wurden. Susanne Schmidt hat aber miterlebt, wie die Firmen sich dann gegenseitig „viel zu schnell mit viel zu viel den Markt zugeschwemmt haben. Und dann kam der Einbruch. Dann ging es nämlich los mit den MP3: Die Menschen haben begonnen, Musik aus dem Netz herunterzuladen. Das hat zwar die Klassik nicht so sehr betroffen wie die Pop- und Rockwelt. Pop und Rock waren allerdings immer so etwas wie die reichen Onkel, die die Schallplattenfirmen gefüttert haben. Und als das Business wegbrach, hatten die dann auch kein Geld mehr für die KIassik“.

Vom Niedergang eines ganzen Mediensektors

Eine kurze Zeit lang sollte sich der Klassiksektor der Medienunternehmen danach noch über Wasser halten. Susanne Schmidt wurde in der Zwischenzeit von der „Sony Classical Hamburg“ abgeworben und hatte sowohl ihren Wohnsitz, als auch den Arbeitsplatz nach London verlegt. „Das war noch eine sehr schöne Zeit“, schwärmt sie, „wir waren zuständig für die europäischen Aufnahmen. – Obwohl dort schon das Gefühl vorherrschte, wir sitzen auf einem sinkenden Schiff. Wir spürten, diese Industrie verschwindet langsam, und wir mussten dann in dem europäischen Büro in London auch irgendwann tatsächlich das Licht ausmachen, das war dann schon sehr schade. Es war traurig, zu sehen, wie da ein ganzer Sektor zusammenfällt“.

Bei der Kultur zu kürzen, ist der falsche Schritt

Susanne Schmidt kann diesen Zusammenbruch ein wenig auch in Bregenz – und zwar von der anderen Seite aus – miterleben: „Wenn wir als Team der Bregenzer Festspielen wollen, dass eine Oper von uns noch gefilmt wird, dann wird das immer schwieriger. Es weiß eben keiner mehr von den TV-Stationen, wie man die Kosten für die Übertragung stemmen soll. Die Einschaltquoten bei einer Opernübertragung können natürlich nicht mithalten mit was auch immer. Ich bin jetzt elf Jahre hier in Bregenz, und während dieser Zeit ist es dann nochmal rapide weniger geworden.“ Susanne Schmidt erinnert sich an ihre Anfänge in Vorarlberg, als es sogar noch Honorare gab, die sie an die Künstler weiter geben konnte. „Inzwischen müssen wir oft noch dazu zahlen, dass überhaupt Aufnahmen gemacht werden. Und die Künstler werden nicht mehr mit Geld entlohnt, sondern erhalten eben die Chance, über eine Opernaufnahme ihre Bekanntheit zu steigern und sich einen Namen zu machen.“

Susanne Schmidt bezeichnet diesen Rückgang als „tragisch. Natürlich kann ich die Angst der Politiker verstehen, angesichts der hohen Kosten in allen Bereichen wie Pensionen, Gesundheit, Schulwesen und so weiter. Ich glaube aber, wir schneiden uns da ins eigene Fleisch, wenn derart bei der Kultur gekürzt wird. Wenn Menschen sich mit Kultur auseinandersetzen, in welcher Art auch immer, dann werden sie auch kreativ für andere Lösungen. Wenn man das den Menschen wegnimmt, dann werden wir auch für unsere vielen anderen schwierigen Fragen, die da pulsieren, keine Antworten mehr finden“.

Venedig – Endlich am Theater!

Kurz bevor dann also in London das Büro von Susanne Schmidt tatsächlich dunkel war, kündigte sich bereits ihre nächste Lebensstation an: Venedig. Susanne Schmidt hatte bereits während ihrer Londoner Zeit immer wieder mit dem Venice Baroque Orchestra Aufnahmen gemacht, unter anderem mit Giuliano Carmignola, einem der führenden Barockgeiger unserer Zeit. Da sie Italienisch sprach, war sie zuständig für die Aufnahmen mit dem Orchester. „Es war dann auch billiger, dass ich nach Italien reiste, als dass ein ganzes Orchester jedes Mal nach London kam – wir haben an unheimlich schönen Orten gearbeitet, viel in Klöstern, wo die Akustik traumhaft war.“

Das Venice Baroque Orchestra spielte auch häufig am Teatro la Fenice, einem der bekanntesten und größten Opernhäuser in Venedig. Auch da war Susanne Schmidt für potentielle Opernaufnahmen vor Ort zuständig. Und bei einer Premierenfeier nahm das Schicksal fast schon filmreif seinen Lauf: „Ich habe den dortigen künstlerischen Direktor kennen gelernt, als ich ihm – damals war er noch ein Unbekannter für mich – beinahe den Prosecco übers Hemd geschüttet hatte. Wir kamen dadurch ins Gespräch, und am Ende des Abends stellte ich dann fest, wer er überhaupt war. Danach sind wir in Kontakt geblieben.“ Bei einer Aufnahme mit der österreichischen Opernsängerin Angelika Kirchschlager, die damals bei Sony unter Vertrag stand, hatte er dann Susanne Schmidt um Hilfe gebeten. Dadurch ergab sich erneut eine Zusammenarbeit, „und er hat mich bald gefragt, ob ich nicht im Theater in Venedig arbeiten wollte. Ich hätte die richtige Sorte Energie. Ich habe innerlich jubiliert! Ich wollte ja schon immer am Theater arbeiten, aber ich hatte nie das nötige Vitamin B und somit bislang nie den Fuß hineinbekommen. Trotz vieler Versuche“. Susanne Schmidt zog also von London nach Venedig um.

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