Sabine Schoder

Jugendbuchautorin

Der jungen Schriftstellerin aus dem Montafon ist auf Anhieb gelungen, worum so manch ein Vertreter ihrer Branche sehr lange – oder gar vergeblich – kämpft: Mit ihrem Erstlingswerk ist Sabine Schoder bei einem großen Verlag untergekommen: Ihr Jugendbuch Liebe ist was für Idioten. Wie mich. ist 2015 beim deutschen S. Fischer Verlag als Taschen- und Hörbuch erschienen. Heuer im September folgt die Fortsetzung.

Dabei waren Bücher, Schreiben und Geschichten erzählen bis dahin einfach ein so selbstverständlicher Teil ihres Lebens, dass es ihr lange Zeit nicht einmal in den Sinn kam, daraus einen Beruf zu machen: „Hier hat wohl mein Montafoner Blut durchgeschlagen, ich wollte lieber etwas Ghöriges lerna und Geld verdiana. Schreiben war für mich nur ein Hobby – bis ich mein Manuskript an eine Literaturagentur schickte…“, sagt Sabine Schoder rückblickend.

Titelfoto: Bernd Schoder

Nicht gerne einsam, aber gerne mit meinen Gedanken alleine

Sabine Schoder ist auf einem alten Bergbauernhof in Tschagguns im Vorarlberger Montafon aufgewachsen: „Unser Hund hat mich oft begleitet, wenn ich nachmittags durch den Wald gestreift bin, um mir Geschichten auszudenken. Am liebsten habe ich mit Freunden in unsichtbaren Welten gespielt. Ich hatte sehr viel Freiheit.“ Bereits im Volksschulalter machte Sabine Schoder Bekanntschaft mit „der Montafoner Sturheit. Ich habe nie vergessen, dass eine Erwachsene mich des Lügens beschuldigte, weil sie die Wahrheit nicht hören wollte. Oder dass der Pfarrer mich als Ministrantin ablehnte, weil ich ein Mädchen war. Das empfand ich als große Ungerechtigkeit“.

Das alles hat Sabine Schoder allerdings nicht davon abgehalten, auch heute als Erwachsene Tschagguns zu ihrem Lebensmittelpunkt zu machen: „Ich liebe die Natur, vor allem im Sommer, und genieße die Ruhe in meinem Garten. Wenn ich mich einmal in der Woche mit einer Freundin verabrede oder mit meinem Mann ausgehe, reicht mir das völlig. Ich bin nicht gerne einsam, aber sehr gerne mit meinen Gedanken alleine.“ Und die drehen sich dann auch gerne einmal um Begegnungen, die sie gemacht hat, denn die Mitte 30-Jährige ist überzeugt davon, dass „alle Menschen, mit denen man im Laufe des Lebens zu tun hat, einen auf eine gewisse Weise prägen. Man benötigt nur etwas Zeit im Stillen, um genau darüber nachzudenken, welche Erfahrungen man in sein Wesen aufnimmt – oder welche man lieber weg lässt.“

Arbeitsplatz im Garten von Sabine Schoder

Verliebt in einen Vampir

Eine ihrer ersten bewussten Erfahrungen mit Literatur hat sie bereits im Vorschulalter gemacht: „Mit fünf Jahren habe ich mich in Der Kleine Vampir von Angela Sommer-Bodenburg verliebt. Meine Mutter las mir jeden Abend im Bett vor. Obwohl sie damit den Zweck verfolgte, mich langsam in den Schlaf zu lesen, lief meine Vorstellungskraft auf Hochtouren“, lacht Sabine Schoder. In der Volksschule hat sie dann die Abenteuer der Fünf Freunde verschlungen, mit zwölf las sie ihr erstes Erwachsenenbuch: Stephen Kings ES. „Für die Schwarte brauchte ich drei Monate, aber ich arbeitete mich durch alle schaurigen Szenen und war vom Zusammenhalt des Clubs der Verlierer begeistert.

Friedhofsgärtner oder Autor

Da sie trotz ihrer Begeisterung fürs Lesen und selbst-Geschichten-Erzählen auch nach der Schule noch nicht daran dachte, aus ihrer Begabung einen Beruf zu machen, entschloss sie sich, Grafik-Design zu studieren. Kurz nach ihrem Studium füllte sie einen Job-Eignungstest aus, weil sie gerade sehr enttäuscht von ihrer Praktikumsstelle in einer Werbeagentur war: „Nachdem ich dem Test klar gemacht hatte, dass ich nie wieder etwas mit anderen Menschen zu schaffen haben wollte, spuckte er zwei Job-Empfehlungen für mich aus: Friedhofsgärtner oder … Autor!“

Man muss schreiben wollen. Auch für sich.

Bis Sabine Schoder allerdings ihr erstes Manuskript an eine Literaturagentur geschickt hat, sollten noch ein paar Berufsjahre im Marketingbereich vergehen. Nebenher hat sie viel gelesen, „und ich habe schon immer Geschichten erfunden und sie manchmal sogar aufgeschrieben. Man muss so sehr schreiben wollen, dass man es auch ohne Anerkennung und Entlohnung tut – denn diese bleibt in den allermeisten Fällen aus. Man muss es für sich tun. Und man muss eine Geschichte finden, die man so sehr mag, dass man sie immer und immer wieder überarbeiten möchte. Denn das ist unabdingbar, wenn man will, dass sie jemals veröffentlicht wird“.

Liebe ist was für Idioten. Wie mich.

Und das hat Sabine Schoder bei ihrem Erstlingswerk dann auch so durchgezogen: „Es gibt viele Dinge, die ich im Nachhinein richtig gemacht habe“, weiß Sabine Schoder heute, „das Manuskript gründlich zu überarbeiten, mich professionell bei einer Literaturagentur zu bewerben“. Aber, sagt die Autorin, es gebe nur ein Kriterium, das letztendlich zähle, und das ist „die Geschichte selbst. Wenn sie so gut ist, dass deine Lektorin nachts im Bett weiter liest, dann hast du gewonnen.“ In Sabine Schoders Fall war der „Preis“ die Herausgabe ihres Erstlingswerks beim renommierten S. Fischer Verlag .

Ihr Jugendroman Liebe ist was für Idioten. Wie mich. ist eine Liebesgeschichte, aber „ich habe nicht versucht Twilight zu kopieren. Ich habe nicht mal versucht, eine Liebesgeschichte zu schreiben, die anderen Leuten gefällt. Ich habe einfach eine Geschichte geschrieben, die mich selbst berührt hat. Vermutlich fühlt sie sich deshalb für viele meiner Leser so echt an“. Denn Liebe ist was für Idioten. Wie mich. ist zwar eine Liebesgeschichte, aber es ist auch eine ehrliche Geschichte übers Erwachsenwerden, über Schulprobleme, Sex, Drogen- und Alkoholmissbrauch. (Lese- und Hörproben gibt es auf der Homepage der Autorin: Sabine Schoder). Sabine Schoders erster Jugendroman ist 2016 für den Jugendliteraturpreis Buxtehuder Bullen sowie für den BEO Deutscher Kinderhörbuchpreis nominiert worden.

Sabine Schoder hat als Jugendliche Erwachsenenbücher gelesen und schreibt als Erwachsene Jugendbücher. „Je älter man wird“, denkt sie laut, „desto seltener passieren Dinge zum ersten Mal. Ich genieße all die Bequemlichkeiten, die ich mir in den letzten Jahren erarbeitet habe. Trotzdem tauche ich gerne wieder in den Kopf eines Jugendlichen ab. Als junger Mensch stehen einem alle Wege und Entscheidungen offen: die ersten richtigen Freunde, das erste Mal auf eigenen Füßen stehen, sich zum ersten Mal verlieben … Man kann sich aus sicherer Entfernung daran erinnern, woher man kommt, welche Träume und Ängste einen bewegten.“ Im Übrigen sei es immer das Unbekannte, das sie an einer Geschichte reizt. Eben das, was sie gerade nicht erlebt. Das müssen dann auch nicht unbedingt Jugendbücher sein, auch Kinderbücher, Fantasy oder gute Horrorgeschichten interessieren die Mitte-30-Jährige.

Natürlich hört sie so manchen auch hinter vorgehaltener Hand fragen, ob sie das alles wirklich erlebt hätte. „Das sind vor allem Leute, die sich nur schwer vorstellen können, dass man sich 300 Seiten ausdenken kann. Dabei würde ich niemals etwas in ein Buch schreiben, das mir tatsächlich passiert ist.“

Mit Seele und Herzblut

Nach dem Erfolg ihres ersten Romans war klar: Sabine Schoder wollte auch beruflich schreiben, das stand nun außer Frage. Schwieriger gestaltete sich da schon die finanzielle Überlegung: „Denn obwohl mein Debüt sehr gut angekommen ist, überschätzen viele Leute den tatsächlichen Verdienst eines Autors. Ohne das Sicherheitsnetz meines Mannes hätte ich meinen Job im Marketing nicht aufgegeben. Noch verdiene ich nicht so viel wie früher, aber Geld allein ist wirklich nicht alles. Ich habe meine Arbeit immer gerne und mit Ehrgeiz gemacht, jetzt aber stecken auch meine Seele und mein Herzblut drin. Das ist (fast) unbezahlbar.“

Desinteresse der Medien

Auch im Jugendbuchbereich musste Sabine Schoder die Erfahrung machen: „Ein Buch zu veröffentlichen ist leider nicht so interessant, wie der beste Pokémonjäger Vorarlbergs zu sein. Wird kein Geld bezahlt oder ist das Thema nicht verrückt genug, um massenhaft Klicks zu erzeugen, bleibt man medial im Dunkeln.“ Schlussendlich seien es ihre zahlreichen Leser gewesen, die mit ihren Empfehlungen Liebe ist was für Idioten. Wie mich. verbreitet haben. „Wenn es also etwas gibt, womit ich Schwierigkeiten habe, dann ist es das Desinteresse der Medien“, kritisiert die Autorin, „zum Glück gibt es manchmal sehr nette Ausnahmen…“. Und die Resonanz – auch aus ihrem Umfeld – „ist viel positiver ausgefallen, als ich befürchtet hatte!“, schmunzelt Sabine Schoder. „Ich habe unglaublich positives Feedback erhalten, vor allem aus Deutschland. Viele Vorarlberger gestehen mir im Nachhinein, dass sie nicht wirklich geglaubt hatten, dass eni vo do so a guats Buach schrieba ka.“

Sabine Schoder beschreibt sich selbst als eine jener „klassischen Autoren, die sich lieber hinter dem Schreibtisch verkriechen als sich selbst in Szene zu setzen. Bestimmt gibt es hierzulande eine Literaturszene, doch ich bin kein Teil von ihr. Ich tausche mich am liebsten im kleinen Kreis mit anderen Autorinnen aus. Grundsätzlich haben es Menschen leichter, die sich selbst gut verkaufen können. Das wäre mir auf Dauer zu anstrengend. Ich bleibe lieber so wie ich bin, auch auf die Gefahr hin, dass ich dann übersehen werde. Und ich mag den direkten Kontakt zu meinen Lesern, sei das über Social Media, Lesungen oder Buchmessen. Bisher war das eine sehr aufregende und schöne Erfahrung.“

Verkauft werden Sabine Schoders Bücher übrigens auch in unserer digitalisierten Welt nach wie vor hauptsächlich über die Buchhandlungen. „Die Digitalisierung ermöglicht es, Bücher zu einem günstigeren Preis anzubieten. Solange sie nicht dazu missbraucht wird, Diebstahl zu vereinfachen, sehe ich das sehr positiv. Lesungen sind zu guten Buchverkäufen ebenfalls keine Alternative. Wir sind Autoren und keine Rockstars, wir füllen vielleicht mal eine Schulklasse, aber keine Sportstadien. Und die Social Media sind hervorragend für den Kontakt zu den Lesern geeignet – verkaufen aber kaum Bücher. Bis dato läuft das Hauptgeschäft also noch immer über die Buchhandlungen.“

So was passiert nur Idioten. Wie uns.

Ansporn und Erwartungsdruck

Der Erfolg von Liebe ist was für Idioten. Wie mich. bewirkte bei Sabine Schoder Ansporn und Erwartungsdruck gleichermaßen. Jährlich erscheinen 90.000 neue Bücher auf dem deutschsprachigen Markt, da muss man am Ball bleiben, wenn man in der Masse nicht untergehen will. „Glücklicherweise fällt dieser Druck weg, sobald ich in meinen Geschichten versinke. Wer beim Schreiben nur ans Veröffentlichen denkt, blockiert sich selber.“ Gerade korrigiert sie die Fahnenabzüge ihres zweiten Buches: So was passiert nur Idioten. Wie uns. Danach geht es in die Herstellung, damit es bis zum 21. September in allen Buchhandlungen aufliegen kann. Eine Fortsetzung zu ihrem Erstling soll es werden, „viele Buchreihen enden ja mit der romantischen Zusammenkunft des Paares. Ich beleuchte im zweiten Teil eine Zeit danach – denn ab da wird es in einer Beziehung erst wirklich spannend…“.

Zwischen den Korrekturen feilt Sabine Schoder bereits am Konzept für ihr drittes Buch, das sie über den Sommer schreiben wird. „Wenn dann noch etwas Zeit übrig bleibt, wasche ich meistens Wäsche“, lacht die Montafonerin. Und ein bisschen Zeit geht sich auch für ein Privatleben noch aus, denn „Privates und Beruf sind wie zwei Kugeln Eiscreme, die ich in der Sonne vergessen habe“, philosophiert die Autorin, „sie sind längst zusammengeschmolzen. Das bedeutet mehr Freiheit, aber auch weniger Freizeit“. Und wenn es Freizeit und Geldtasche erlauben, sieht sich Sabine Schoder einen neuen Teil der Welt an. „Am liebsten andere Kulturen, die mich manchmal in Frage stellen, aber sehr oft auch schätzen lassen, was ich hier in Österreich habe. Solche Reisen helfen, sich selbst mal von außen zu betrachten. Meine nächste Reise führt zu einem Vulkan.“

Zuvor aber freut sich Sabine Schoder auf September und ihr zweites Buch – wir sind schon sehr gespannt und hoffen auf viele schöne und positive Rezensionen in den unterschiedlichsten Medien!

Verfasst im Juni 2017