Angelika Martin

Bildungsorganisatorin und Initiatorin der Aktion „Xipertinnen“

Die gebürtige Thüringerin hat in unterschiedlichsten Führungspositionen am eigenen Leib erfahren, was es heißt, sich als Frau im Berufsleben durchsetzen und behaupten zu müssen. Ihr Wissen weiterzugeben, die Leistungen anderer Vorarlbergerinnen sichtbar zu machen und die Frauen untereinander zu vernetzen, ist Angelika Martin ein großes Anliegen. Die Anfang-30-Jährige hat zu diesem Zweck die Aktion „Xipertinnen“ ins Leben gerufen. Seit dem Frühjahr 2021 versammelt sie unter diesem Titel steckbriefartig auf Instagram und Facebook Frauen in und aus Vorarlberg, die auf jeweils ihrem Gebiet Expertinnen sind. In Vorarlberg eben „Xipertinnen“. Die Galerie wächst seither ständig. Dass wir von „Schwarz auf Weiß“ den „Xipertinnen“ irgendwann einmal online begegnen (hier der Link dazu), war aufgrund der ähnlichen Zielsetzungen wohl nur eine Frage der Zeit…

Angelika Martin ist leidenschaftliche Organisatorin, eine Planerin, eine Macherin: „Ich bin sehr strukturiert und organisiert, liebe To do-Listen zum Abhaken und vor allem meinen analogen Kalender am Kühlschrank, der mich noch vor dem Frühstück auf einen Blick an alle wichtigen Dinge erinnert“, erklärt die Mama von zwei Söhnen. In ihrem „Brotberuf“ ist sie Bildungsorganisatorin bei „connexia“, der Gesellschaft für Gesundheit und Pflege: „Eine Besonderheit dieser Abteilung ist es, dass die vier Frauen gemeinsam nach dem Modell der kollegialen Führung in Teilzeit arbeiten“, betont Angelika Martin. Und genau das war auch ein Hauptgrund, der sie vor rund drei Jahren auf diese Stelle aufmerksam gemacht hat: „Nachdem ich immer in Führungspositionen gearbeitet habe und gerne Verantwortung übernehme, konnte ich mir auch nach der Karenz eine rein ausführende Tätigkeit nicht vorstellen.“

Titelbild: ©Petra Rainer
Verfasst im Februar 2022

Lego, Barbie und Gota Luzia

Angelika Martin ist mit drei Brüdern in Thüringen aufgewachsen, von Beginn an hat sie die Gleichbehandlung der Geschlechter als etwas Selbstverständliches erlebt: „Meine Mama hat das sehr gut gemacht – wir mussten alle gleichermaßen im Haushalt mithelfen: Kochen, Putzen, Waschen etc. wurde alles im Rotationsverfahren aufgeteilt. Ich denke, meine Brüder – und auch deren Partnerinnen – profitieren heute sehr davon“, lacht sie. „Wir waren als Kinder auch viel draußen in der Natur, haben Baumhütten gebaut, Räuber und Gendarm und Lego gespielt – und manchmal auch Barbie. Wir hatten und haben eine tolle Verbindung zueinander.“ Die Verbindung zur Herkunftsfamilie hat sie gestärkt: „Meine Mama zum Beispiel, die auch heute noch, egal wie stressig es ist, mit einem Lächeln alle Aufgaben erledigt und dabei sagt: Eins nach dem anderen. Und mein Papa, der als gelernter Maurer begonnen hat und mit viel Energie, Leidenschaft und Durchhaltevermögen nun ein eigenes Bauleitungsbüro führt.“ Ein großes Vorbild sieht Angelika Martin rückblickend auch in ihrer Patentante Luzia: „Meine Gota war damals Bürgermeisterin der Gemeinde Sonntag. Seit ich sie kenne, ist sie eine Frau, die ihren Weg geht, die sich nicht einschüchtern lässt und keine Diskussion scheut.“

Kreative Teamplayerin

Ihre ersten Berufserfahrungen hat Angelika Martin im Bereich Produktmanagement und -entwicklung bei einer Textilfirma in Götzis gemacht, die es heute nicht mehr gibt. Neben der Erstellung von Skizzen, Schnitten und der Kostenrechnung war sie für die Produktionsüberwachung inklusive der Erstellung von Mustern sowie für die Endkontrolle verantwortlich. „Schon als ich die ersten Schnitte an der HTL gezeichnet habe und wir Modeschauen vorbereitet haben, war es meine Vision, irgendwann einmal selbst Mode zu designen. Ich liebe auch heute noch das Zeichnen, Gestalten, Basteln und Erschaffen. Neben dem Bügeln sind das die Aktivitäten, die mich – egal wie stressig der Tag war – wieder runterholen und entspannen lassen. Aber meine erste Arbeitsstelle hat mir gezeigt, dass ich doch mehr Teamplayerin bin und mir das Kreative allein zu wenig ist. Es war spannend, ein Produkt entstehen zu lassen, Schnitte zu zeichnen, zu kalkulieren und den fertigen Prototypen dann in Serie zu geben. Aber mir hat das Miteinander in einem Team gefehlt.“

Kleider machen Leute

Angelika Martin_©Petra Rainer

Angelika Martin_©Petra Rainer

Im Herbst 2009 entschloss sie sich daher, ihr Wissen im Bereich Wirtschaft und Handel zu vertiefen und in Wien eine berufsbegleitende Ausbildung zur Handelsfachwirtin zu machen: „Bei Peek & Cloppenburg bekam ich bereits neben meiner Ausbildung vollwertige Führungsverantwortung übertragen. Während dieser Zeit ist Angelika Martin einer weiteren, sehr prägenden Frau begegnet: „Linda Sekoll war Referentin und Ausbildnerin in Wien, stets auf den Punkt gestylt und gekleidet und sagte immer: Kleidet euch als die Person in der Funktion, die ihr sein möchtet – Kleider machen Leute. Frau Sekoll hatte eine grandiose Ausstrahlung. Immer wenn sie den Seminarraum betrat, war alles still und alle hörten ihr zu. In all den Jahren, in denen ich sie erlebt habe, wirkte sie diszipliniert, dabei stets in sich ruhend und mit einem tollen Sinn für Humor“, schwärmt Angelika Martin noch heute.

Über Nacht für 30 Filialen verantwortlich

Zwei erfolgreiche, arbeitsintensive und spannende Eröffnungsprojekte später, bekam die junge Produktmanagerin das Angebot, als Gebietsleiterin für die Bekleidungsfirma „Ernstings Family“ tätig zu sein. „Dieser Herausforderung wollte ich mich unbedingt stellen!“, erzählt sie. Was zunächst als Trainee-Programm gestartet hat, entwickelte sich bereits nach zwei Monaten zum Volleinsatz: „Meine Mentorin ist überraschend ausgefallen. Quasi über Nacht hatte ich die Verantwortung für 30 Filialen in Frankfurt a. Main und Umgebung sowie für 250 Mitarbeiter:innen.“ Ihr Arbeitsbereich beinhaltete den Einkauf, die Bewirtschaftung der unterschiedlichen Flächen sowie die Planung von Marketingaktionen. „Die Position als Gebietsleiterin war aufregend. Ich hatte als junger Mensch sehr viel Verantwortung. Diese Zeit hat mir gezeigt, was ich alles schaffen kann.“

Kurztrip in eine andere (Mode)Welt

Nach einer arbeits- und erfahrungsreichen Zeit wechselte Angelika Martin zu einer Frankfurter Vertriebsagentur und machte erste Erfahrungen als Sales-Koordinatorin. Sie war zuständig für die Außendienst-Mitarbeiter:innen und koordinierte die internen und externen Vertriebsabläufe. Daneben gehörten die Planung, Vorbereitung und Durchführung von Messen und Events zu ihren Aufgaben: „Die Arbeit bei Brandpool war eine Erfahrung, die mich beruflich sowie auch privat sehr geprägt hat. Hier durfte ich das erste Mal so richtig die glamouröse Modewelt erleben, große Modeschauen mitorganisieren und die Partys danach mitfeiern. Es war wie eine andere Welt.“
Nach der Geburt ihres ersten Sohnes Oskar startete sie bei der deutschen Bekleidungsfirma „Delicate Love GmbH“ als Salesmanagerin für Deutschland und Österreich wieder ins Berufsleben und war für den Vertrieb der Kollektion zuständig.

Guten Morgen, Schätzchen

„Für mich als Frau gab es in jedem dieser Unternehmen – und auch heute noch – Momente, in denen ich aufgrund von Stereotypen einem klassischen Rollenbild und einer Funktion zugeordnet wurde“, zieht Angelika Martin Bilanz. In den bisher 13 Jahren als Frau in führenden Positionen, hat sie mehrmals selbst erfahren und gespürt, was es heißt, sich als Frau durchsetzen und behaupten zu müssen: „Man muss teilweise lauter sein und ein dickes Fell haben, damit man ernstgenommen wird und nicht als Püppchen gilt. Es sind nicht immer nur Sprüche und Aussagen – vielmehr sind es kleine Gesten und alltägliche Handlungen: etwa ein Guten Morgen Schätzchen mit dem bestimmten Augenzwinkern und dem gewissen Unterton, die offen kundgetane Vermutung, dass eine Frau ihre Tage hat, nur weil sie sich kritisch äußert, die Aufforderung sich etwas Nettes anzuziehen, um den Kunden zu beeindrucken… und vieles mehr…“

Von Berlin nach Schlins innerhalb von 14 Tagen

Angelika Martin wohnte in Berlin, als ihr zweiter Sohn Emil zur Welt kam. „Ich war gerade auf Kurzurlaub in Vorarlberg, als ich das Jobangebot bei connexia gesehen habe, das mich so richtig überzeugt hat“, erzählt die zweifache Mama: „Ich habe mich beworben, Vorstellungsgespräche geführt und schlussendlich den Vertrag unterzeichnet. Damit hieß es für mich: Ab zurück nach Berlin und meine Sachen packen, eine Bleibe in Vorarlberg und eine Betreuung für meine Söhne suchen. Für Schlins als Wohnort habe ich mich wegen der tollen Betreuungsmöglichkeiten für meine Jungs entschieden. Das alles ist innerhalb von 14 Tagen passiert! Ich kann manchmal schon etwas ungeduldig sein kann, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe“, schmunzelt sie.
Oskar ist mittlerweile sieben Jahre alt und Emil fünf. Gemeinsam leben sie seither in Schlins: „Zusammen mit meinem Partner Simon an meiner Seite, der mit seinen zwei Kindern unsere Patchworkfamilie bunt und perfekt macht.“

Bildung als Mittel zur Emanzipation

Als Bildungsorganisatorin ist Angelika Martin unter anderem für die Organisation, Planung, Koordination und Durchführung von Aus-, Fort und Weiterbildungen im Bereich Gesundheit und Pflege zuständig. Und sie ist überzeugt: „Bildung ist der Schlüssel zur Welt, eine wichtige Grundlage für ein selbstbestimmtes, gutes Leben und somit ein Mittel zur Emanzipation. Eine gute Bildung ermöglicht uns den Zugang zu einer Arbeit, die wir mit Leidenschaft ausüben. Ich sage meinen Kindern immer, dass Schule und Bildung wichtig sind, um selber entscheiden zu können, was sie einmal werden möchten. Und genau deshalb ist auch das Thema Bildung auch für Frauen so wichtig.“ Seit zwei Jahren ist Angelika Martin auch Betriebsratsvorsitzende: „Ich neige zum Perfektionismus, meine Ansprüche an mich selber sind sehr hoch – dafür habe ich umso mehr Toleranz bei allen anderen. In Kommunikation zu gehen und zuzuhören ist für mich etwas ganz Tolles und Wichtiges, und ich mache es auch sehr gerne.“

Xipertinnen – vernetzen und gegenseitig stärken

Xipertinnen

Xipertinnen

Angelika Martin hört auch gerne zu, wenn andere ihre Lebensgeschichten erzählen: Im Februar 2021 war sie bei einem Treffen dabei, bei dem sich über 30 Frauen in und aus Vorarlberg online zu einem Austausch getroffen haben. Ihr Ziel war es, „Expertinnen-Kompetenz“ sichtbar(er) zu machen: „In mir hat dieser Termin lange nachgewirkt – vor allem die Frage, wieso die vielen fachkompetenten Frauen (in Vorarlberg), zu wenig gesehen werden. Dieser Gedanke ließ mich nicht los und die Idee des Formates #Xipertinnen auf Instagram und Facebook war geboren.“
Die Initiative „Xipertinnen“ setzt sich zum Ziel, Expertinnen jeglicher Bereiche in und aus Vorarlberg vorzustellen. „Frauen sind das größte nicht angezapfte Reservoir an Talenten in der Welt, das hat Hillary Clinton einmal gesagt und genau hier will ich anknüpfen. Ich möchte zeigen, welches Potential in Vorarlberg vorhanden ist. Xipertinnen soll andere Frauen ermutigen, indem sie Rolemodels entdecken, es soll eine Möglichkeit zum Netzwerken bieten und aufzeigen, dass Frauen in allen Lebensbereichen mitreden, mitentscheiden, mitkreieren und mitentwerfen können, dürfen und sollen.“

Familienfreundlich nicht nur auf dem Papier

Die Initiative hat 2021 bereits den „Female Futur Award“ im Bereich Empowerment gewonnen. „Es freut mich, mit der Initiative einen Teil dazu beizutragen, dem Ziel einer gleichberechtigten Gesellschaft näherzukommen“, sagt Angelika Martin und ergänzt kritisch: „Die Möglichkeit für Frauen, Karriere zu machen und Führungspositionen zu bekleiden, ist in den vergangenen Jahren zwar verbessert worden. Solange wir aber beispielsweise eine Schwangerschaft und die Gründung einer Familie als negative Belastung der Arbeitsleistung oder gar als Makel in der Vita beurteilen, ist eine Gleichberechtigung nicht existent.“ In ihren Augen erleichtert die Frauenquote es Frauen, in Führungspositionen vorzudringen und den Beweis zu liefern, dass sich Familie und Karriere vereinbaren lassen. „Aber: Hier muss auch die moderne Arbeitswelt ihre skeptische Haltung hinsichtlich Teilzeitarbeit und flexibler Arbeitszeiteinteilung ändern. Solange Mutterschaft und Teilzeitarbeit als negative Auswirkung auf Leistung und Karrierewillen gesehen werden, haben Frauen immer schlechtere Karten. Hier braucht es meiner Meinung nach mehr familienfreundliche Unternehmen – und zwar auch in der Praxis und nicht nur auf dem Papier.“

Gleichberechtigung im Alltag leben

Übrigens – Angelika Martin bekommt mittlerweile auch von Männern Xipertinnen-Vorschläge: „Mein Partner ist sogar einer meiner Hauptlieferanten“, freut sich die Initiatorin. „Er zeigt mir und unseren Kiddies jeden Tag aufs Neue, wie Gleichberechtigung geht und unterstützt mich in allem, was ich tue. Er stärkt mir den Rücken, hält diesen auch frei, wenn es sein muss und ist mein ehrlichster Kritiker, der mir offen sagt, wenn er anderer Meinung ist und eröffnet mir damit auch neue Perspektiven. Es liegt an jedem und jeder von uns, Gleichberechtigung auch im Alltag zu leben. Dazu gehört auch, dass wir das Lebensmodell jeder Familie und auch jede und jeden einzelnen respektieren und akzeptieren: Gehe hundert Schritte in den Schuhen eines anderen, wenn Du ihn verstehen willst rät ein altes Sprichwort.“
In diesem Sinne möchte Angelika Martin auch weiterhin ihren Teil zum Thema „Female Empowerment“ und Gleichberechtigung beitragen.

Verfasst im Februar 2022

0 Kommentare

Antwort verfassen

Dir gefällt unser Artikel?
Wir freuen uns über Deinen Kommentar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.