Annabella Haltmeyer

Ballerina

Bereits im Kindesalter tanzte sie dort, wo sich schon zahllose Mädchen in blassrosa Tutus vergeblich hingeträumt haben: Die 18-jährige Annabella Haltmeyer ist eine der wenigen, die ihre Ausbildung an der Ballettschule der Staatsoper in Wien beginnen durften. Als Tochter einer Vorarlbergerin hat die Ballerina zwischendurch auch ein paar Jahre in Dornbirn verbracht und steht nun kurz vor dem Einstieg in eine professionelle Ballett-Kompanie.

Annabella ist buchstäblich Sportlerin bis in die Zehenspitzen, und deshalb hat es uns auch kein bisschen gewundert, dass sich die 18-Jährige mit uns direkt nach einer Wanderung von Schwarzenberg aufs Hochälpele zum Interview trifft.

Vorarlberger Wurzeln

Annabella Haltmeyer hat gemeinsam mit ihrer Familie wieder einmal ein paar freie Tage in ihrer „alten Heimat“ Vorarlberg verbracht. „Ich bin immer in Urlausstimmung, wenn ich hier bin, wahrscheinlich auch wegen der Landschaft, die finde ich wunderschön“, schwärmt sie. Und auch wenn Annabella Haltmeyer nur zwei Jahre durchgehend hier gelebt hat, ist die Verbindung zum Land groß und bis heute sehr eng: „Meine Mutter ist eine Vorarlbergerin, mein Großvater führte Jahrzehnte lang den Sparladen Haltmeyer in Dornbirn-Hatlerdorf“, erzählt sie, „mit ihm und meiner Oma habe ich viel Kontakt, genauso wie mit meiner beste Freundin – die lebt nämlich nach wie vor in Vorarlberg. Ich mag ihren Dialekt, den finde ihn lustig“, lacht sie. Und Schwierigkeiten, ihn zu verstehen, dürfte sie wohl auch nicht haben, denn bereits nach ein paar Sätzen fällt auf, dass die junge Ballerina äußerst wortgewandt ist – „obwohl ich eher schüchtern bin“, gesteht Annabella bescheiden, „ich brauche eine Weile, um aufzutauen. Aber dann bin ich sehr humorvoll und mach auch gern bei jedem Blödsinn mit“.

Als Siebenjährige an die Staatsoper

Allzu viel Zeit für Blödsinn hat sie sich dabei selbst nicht zugestanden, „ich wollte schon sehr, sehr früh tanzen. Und ich wollte es wirklich“. Dabei hat alles ganz harmlos angefangen: Annabella hat in ihrer Geburtsstadt Wien als Dreijährige ein Rhythmus-Programm für Kleinkinder besucht, wie so viele andere auch. Von dort aus ging es ein wenig später in einen Kinderballettkurs, wo sie zunächst lernte, sich zur Musik zu bewegen und ihr Gehör so zu schulen, um später dazu tanzen zu können. Dort hat ausgerechnet eine Vorarlbergerin ihr Bewegungs- und Rhythmusgefühl erkannt und Annabella im Alter von sieben Jahren ermutigt, doch die Aufnahmeprüfung an der Ballettschule der „Wiener Staatsoper“. „Das wollte ich unbedingt, auch wenn meine Mama da eher skeptisch war und das nicht für so wichtig erachtete. Schließlich haben mir meine Eltern aber den Wunsch erfüllt und mich auch später immer sehr unterstützt. Denn ich habe diese Prüfung auf Anhieb geschafft – und schwups! war ich in der Ballettschule der Wiener Staatsoper. Dort blieb ich, bis ich elf war. Es gab damals noch Volksschulklassen, die an der Oper trainierten.

Filmreife Trainingsjahre

Was Annabella dort an Training zu absolvieren hatte, „war dann wirklich professionell. Im Vergleich dazu war alles andere davor nur Herumgehopse. Ich hatte auch eine richtig strenge Lehrerin, so wie man das aus den Tanzfilmen kennt. So ist das tatsächlich. Wirklich streng“, erzählt sie. In der vierten Klasse Volksschule hatte sie bereits vier Mal in der Woche Training, „und manchmal war es einfach so streng, dass ich abends geweint habe. Und trotzdem wollte ich weitermachen“. Diese Art der Volksschulklassen, die Annabella Haltmeyer absolviert hat, gibt es heute nicht mehr. Die Schule an der Staatsoper in Wien beginnt mittlerweile erst mit der ersten Klasse Gymnasium… „Weitergemacht habe ich damals, weil die Tanzerei wohl wirklich schon immer ein Teil von mir war, ich wollte das, ich musste nie dazu animiert werden. Ich brauche das für mich und mein Leben. Es war und ist noch heute ein Bedürfnis für mich.“

Tanzen bis Blut fließt

„Einer der schönsten Tage war für mich der, als ich endlich beginnen durfte, mit den Spitzenschuhen zu tanzen“, erinnert sich Annabella, „ich habe diesen Tag so herbeigesehnt. Und endlich war er da. Ich werde das nie vergessen. Da war ich in der ersten Klasse Gymnasium. Es ist so wichtig, dass man die Spitzenschuhe erst so spät bekommt, weil sich der Körper natürlich noch im Wachstum befindet. Es ist sehr schwierig, professionell damit umzugehen, es kann so viel kaputt gehen, wenn man es falsch macht“. Annabella Haltmeyer erinnert sich an ein hartes halbes Jahr, in dem ihr Körper eine komplett neue Bewegung erlernen musste. Das Tanzen auf den Zehenspitzen beschreibt Annabella Haltmeyer als „wirklich harte Arbeit, es kann anfangs bluten. Mit der Zeit bekommt man dann so Polster auf der Haut und es ist nicht mehr so arg. Aber ich habe gerade jetzt wieder an meinen Zehen Hühneraugen, die sich entzündet haben. Das kommt immer wieder, und damit muss man umgehen lernen. Auch mit den Schmerzen.

Annabella Haltmeyer

Körper- und Selbstbeherrschung

Es sei nicht nur ein Mythos, dass eine Ballerina sehr schlank sein müsse, sagt Annabella. „Es wird uns zwar nicht vorgeschrieben, was wir essen sollen, aber ich denke, man braucht schon eine genetisch gute Voraussetzung. Ich habe da glücklicherweise gute Anlagen geerbt, hab aber auch immer wieder einmal mitbekommen, dass Essstörungen in der Branche gar nicht so selten sind“. Auf die Frage, ob sie mit all ihrem Wissen ihre eigene Tochter bei einer derartigen Ausbildung unterstützen würde, macht Annabella zunächst eine lange Pause, „weil ich da gerade an meine kleine Schwester denken muss“, sagt sie. Ich würde ihr zumindest gern diese Schmerzen ersparen. Und wenn sie es dann doch machen wollte, wüsste ich, was auf sie zukommt. Und das ist hart. Aber ich denke auch, ich würde sie unterstützen, wenn sie es wirklich von sich aus wollte, so wie ich. Aber wenn sie eine andere Sportart machen möchte, wäre ich auch nicht böse“, schmunzelt sie.
Annabella selbst spielt als Ausgleich gelegentlich Golf, „meine Körperbeherrschung hilft mir dabei, auch dort gut zu sein. Mein Körper ist so unter meiner Kontrolle, dass ich mir sehr leicht tue mit anderen Sportarten. Allerdings: Skifahren und Eislaufen beispielsweise darf ich gar nicht, denn das Verletzungsrisiko ist zu hoch. Würde ich mir dabei etwas brechen und sechs Wochen einen Gips tragen, würde es danach ein Jahr dauern, um die Muskeln wieder so aufzubauen, wie sie heute sind. Diese Zeit habe ich nicht.

Das etwas andere Teenagerleben

Mittlerweile tanzt Annabella nicht mehr in der Ballettschule der Staatsoper, sondern an der Ballettschule eines ehemaligen Solotänzers. Dort trainiert sie dreimal pro Woche bereits in der Früh zwei Stunden lang, danach drückt sie die Schulbank in einem speziellen Leistungssportgymnasium, das ein Training neben der Schule überhaupt möglich macht, und abends dann hat sie täglich drei Stunden Training. „Bis ich nach Hause komme, ist es 22.30 Uhr. Zeit für Mädelssachen bleibt da natürlich nicht wirklich. Außer in den Ferien und manchmal an den Wochenenden.“ Annabella weiß natürlich, dass viele Jugendliche in ihrem Alter ihre Freizeit komplett anders gestalten, „aber dadurch, dass ich in ein Leistungssportgymnasium gehe, bin ich von Jugendlichen umgeben, die alle so viel trainieren wie ich. Und dadurch ist es dann ein Stück weit einfach wieder normal“.
Annabella Haltmeyer empfindet es als Glück, in der Großstadt aufgewachsen zu sein, wenn man wirklich Ballerina werden möchte, braucht es einfach das entsprechende Angebot. Als ich in Vorarlberg gelebt habe, bin ich zum Training in die Schweiz, nach St. Gallen gefahren. Ich hätte später aber vermutlich so oder so nach Wien zurückziehen müssen – oder eventuell in eine andere Großstadt.“

Traum vom Opernhaus in Australien

Annabella steht mit ihren 18 Jahren kurz vor ihrem Schulabschluss. Mit der Matura folgt quasi auch der Absprung in eine professionelle Kompanie. In jeder Ballett-Kompanie eines Opernhauses gibt es bestimmte Hierarchien – angefangen vom Chorps de Ballett, also dem Tänzerensemble, bis hin zum ersten Solisten, „diese Position ist jedoch mit viel Neid verbunden“. Die Konkurrenz ist groß und stark – vor allem aus den USA und aus Russland. „Ich muss heuer noch meine letzte Prüfung ablegen, die Matura fürs Ballett – die Bühnenreifeprüfung. Und wenn ich die habe, geht’s ans Vortanzen.“
Auf Grundlage ihrer tänzerischen Technik gilt es jetzt, ihr ganz persönliches Ich in ihren Tanz zu bringen. „Jetzt bin ich an einem Punkt, an dem die Persönlichkeit entscheidend ist, das erkennen die Direktoren der Opernhäuser – denn man braucht einen Wiedererkennungswert, man muss im Tanz etwas von sich persönlich zeigen. Die Leute müssen dir gerne zusehen.“ Und dabei muss alles sehr leicht aussehen, die Zuschauer dürfen nicht merken, wie viel Kraft und Anstrengung dahinter stecken. „Ich habe oft gehört, dass Ballett ja kein Sport ist, mehr Kunst“ sagt Annabella, „aber wer weiß, wie viele sportliche Attribute man dazu braucht, denkt anders. Also ich kenn wenige Sportarten, bei denen man auch noch schön dabei aussehen soll“, schmunzelt sie.
Annabella hofft, dass sie anfangs in einem Opernhaus in Mitteleuropa unterkommt, „Zürich wäre zum Beispiel sehr cool. Mein Traum war es immer, in Australien zu tanzen. Im „Sydney Opera House“, lacht sie, „das wäre mein Traum“.

Wir jedenfalls wären stolz, Annabella Haltmeyer dann noch einmal zum Interview zu bitten.

Verfasst im April 2017

Nachtrag in unseren News:
6.2.2018: Annabella Haltmeyer beim Wiener Opernball

1 Antwort
  1. Hildetraud Mathis
    Hildetraud Mathis sagte:

    Großartige Leistung von der jungen Dame und so hoffen wir, von ihr weiterhin zu hören und sie auch bewundern zu können!

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