Claudia Schedler

Psychologin in der „Stiftung Jupident“, Elterncoach

Die Psychologin steht seit neun Jahren jenen Kindern und Jugendlichen zur Seite, die in der „Stiftung Jupident“ in Schlins ein Zuhause auf Zeit gefunden haben. Die jungen Menschen, die in den Wohngemeinschaften leben oder auch nur zeitweise die Förderangebote der Stiftung in Anspruch nehmen, brauchen diese Unterstützung aus sozialen, psychischen und körperlichen Gründen. Claudia Schedler hat zuvor in der stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie im In- und Ausland gearbeitet und war jahrelang in der Flüchtlingshilfe tätig. In dem von ihr mitinitiierten „PINA- Pädagogisches Institut für Neue Autorität“ berät sie Eltern im herausfordernden Erziehungsalltag.

Wir treffen Claudia Schedler in ihrem Büro auf dem Areal der „Stiftung Jupident“ in Schlins, das in dem ehemaligen Schwesterntrakt der Stiftung aus den 1960-Jahren untergebracht ist. Ein Wunder, dass die Psychologin hier ausnahmsweise noch nicht selbst renoviert hat – denn auch das Gestalten zählt zu einer der vielen Leidenschaften der Mitte-40-Jährigen. „Manchmal tu ich mir tatsächlich schwer, mich auf nur einen Bereich zu konzentrieren“, gibt sie zu. „Ich mache etwas und schiele dabei gleichzeitig schon auf das nächste. Es gibt so vieles, das mich interessiert. Das habe ich von Zuhause mitbekommen“, erklärt Claudia Schedler und meint damit ihre besondere Veranlagung fürs Künstlerische und Soziale:

Titelbild: ©Martin Fellacher

Wenn künstlerische und soziale Adern zusammenfließen

Claudia Schedler ist – wie sie es selbst umschreibt – „unkonventionell“ als Tochter einer Deutschen und eines Bregenzerwälders in Dornbirn aufgewachsen: „Ich bin die jüngste von vier Geschwistern. Mein Vater ist Künstler, Bildhauer und Stuckateur. Meine Mutter hat eine sehr starke soziale Ader und ist ein unglaubliches Organisationstalent. Was ich als Kind gesehen und erlebt habe, war unter diesen Voraussetzungen wirklich außergewöhnlich“, schwärmt sie heute: „Mein Vater Herbert Schedler stammt aus sehr einfachen Verhältnissen und hat sich aus einem eigenen, inneren Drang heraus zu einem modernen Künstler entwickelt – ohne, dass er zunächst überhaupt wusste, was das eigentlich ist. Er hatte zuvor ja nie ein Kunstwerk aus dieser Richtung gesehen. Das einzige, was ihm damals aufgefallen ist, war die Stuckdecken in der Kirche in seiner Heimatgemeinde Andelsbuch. Er hat sie gesehen und wusste, dass er so etwas auch machen will….“.

Claudia Schedler ist also mit moderner Kunst aufgewachsen. Sie kann sich noch gut an die Reaktionen erinnern, als sie in der Volksschule erzählt hat, dass ihr Papa Plastiken macht: „Niemand hat es verstanden, obwohl es für mich doch ganz selbstverständlich war. Kunst war woanders nicht präsent, aber bei uns hing sie sogar im Klo“, lacht sie, und wird gleich wieder ernst: „Ich habe gemerkt, dass das nur bei uns so war, dass es etwas Ungewöhnliches war.“ Eine Zeit lang konnte sie sich vorstellen, selbst etwas Künstlerisches zu ihrem Beruf zu machen, Fotografie beispielsweise. „Aber jedes Mal habe ich dann sehr schnell gemerkt, dass ich mir die Leichtigkeit und Freude an der Kunst lieber bewahren wollte. Ganz ohne Arbeitsdruck. Ich gestalte heute noch gerne, das zieht sich durch mein Leben. Egal, in welchem Bereich ich bisher tätig war: immer habe ich gestaltet, gebaut und renoviert. Ich liebe es.“

Von ihrer Mutter hat Claudia Schedler soziales Engagement vorgelebt bekommen. Christa Schedler hat ihre Tochter nämlich schon kleines Mädchen auf ihren sozialen Arbeitswegen mitgenommen. Und die haben sie unter anderem auch in die damalige „Nervenheilanstalt Valduna“ in Rankweil geführt: „Ich bin dadurch schon als Kind mit diversen Krankheitsbildern konfrontiert worden, habe mitbekommen, wie eine geschlossene Psychiatrie aussieht. Ich habe viel gesehen, unglaubliche Schicksale miterlebt; es war schon damals für mich interessant und spannend.“ Damals war Claudia Schedler sieben Jahre alt. Und das habe sie natürlich sehr geprägt, erzählt sie rückblickend.

Ein besonderer Blick für andere

Aufgrund ihrer Lebensgeschichte hat die heutige Psychologin eine ganz besondere Empathie entwickelt – und das schon sehr früh: „Ich kann mich beispielsweise an eine türkische Mitschülerin in meiner Volksschulzeit erinnern. Sie besaß keinen Turnanzug und musste deshalb in Unterwäsche turnen, was natürlich sehr beschämend war. Für meine Mutter und mich war klar, dass dieses Mädchen einen meiner beiden Anzüge bekam. Das war für mich selbstverständlich. Als ich mit diesem Mädchen übrigens nach einer besonders fröhlichen Turnstunde auf dem Nachhauseweg war, stand ihr Elternhaus in Flammen. Seither habe ich sie nie wieder gesehen.“

Claudia Schedlers Elternhaus war lange Zeit eine Art „Umschlagplatz“ für karitative Güter: „Damals gab es ja offizielle Caritas-Shops für gebrauchte Kleidung, Haushaltsgeräte und Ähnliches noch nicht. Aber mein Zuhause war fast schon eine Art Vorgängermodell. Meine Mama hat nicht mehr benötigte Kleidung gesammelt, an Bedürftige und Migranten weitergegeben und in die ganze Welt verschickt. Teils über hundert Pakete in einem Monat. Alleine die Organisation und das Verschicken der Bananenschachteln, die sie dafür verwendet hat, war eine organisatorische Höchstleistung. Wir Kinder waren immer dabei und haben mitgeholfen. Das war für mich ganz normal“, erzählt sie. Als sie sich später übrigens an der Universität eingeschrieben hat und die Berufe ihrer Eltern angeben musste, hat sie ihre Mutter als „Missionarin“ bezeichnet. „Das hat es am besten getroffen. Und das trifft es heute noch: meine Mama ist selbst als 81-Jährige noch sozial engagiert. Sie trifft beispielsweise Menschen, die nie Besuch bekommen. Sie begleitet Sterbende und ist einfach Wow, sagt sie bewundernd. Übrigens – auch ihr Vater trägt seine Leidenschaft bis ins hohe Alter: „Sein Haus ist heute mehr Museum als ein normales Haus“, lacht Claudia Schedler.

Hauswirtschaft, Architektur und heilpädagogische Arbeit

Die Eltern von Claudia Schedler haben sich getrennt, als sie 15 Jahre alt war. „Das war damals noch sehr unüblich. Ich war das einzige Scheidungskind in meiner Schule.“ Noch als Teenager hat sie begonnen, Bücher von Kindertherapeuten zu lesen. „Damals habe entschieden, dass ich genau das einmal werden will. Ich habe meine Pläne ganz ernsthaft mit einem meiner Brüder besprochen.“ Nach dem Gymnasium war sich Claudia Schedler allerdings gar nicht mehr so sicher und hat zunächst die „Höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe“ besucht. „Ich habe also die Schule für Hausfrauenberufe gemacht. Das war wirklich eine Ausbildung zur perfekten Hausfrau. Ein Wahnsinn. Wirklich. Nähen, Kochen, Putzen, Buchhaltung. Ich hätte danach gerne Architektur studiert. Von Herzen habe ich mir das gewünscht. Im Marienberg hatten wir allerdings so wenig Mathematik, dass ich das aus Unsicherheit wieder verworfen habe.“ Dass sie später in ihrem Psychologiestudium in Wien mehr Statistik pauken sollte, als in jedem Architekturstudium, wusste sie lange nicht…

Claudia Schedler hat mit ihrem Psychologiestudium ihren eigentlichen Jugendtraum also wieder aufgenommen. Bereits als Studentin hat sie am „AKH Wien“ auf der Heilpädagogischen Station einen Praktikumsplatz bekommen und dort ein Jahr lang gearbeitet. „Ich hatte zwar damals noch immer das Ziel, Psychotherapeutin zu werden, bin allerdings bald darauf in den pädagogischen Bereich gerutscht: Wir Psychologinnen durften am AKH immer wieder einmal einen Nachmittag lang mit den Kindern verbringen. Und dort habe ich gemerkt, dass mich diese Arbeit und die Erkenntnisse daraus weit mehr fesseln. Das war das richtige Leben, das man mit trockener Diagnostik nicht vergleichen konnte.“

Claudia Schedler hat erkannt, dass ihr das Arbeiten mit Kindern liegt, hat sich immer wieder auch mit „schwierigen Fälle“ auseinandersetzen dürfen. „Ich habe viel intuitiv gearbeitet und gemerkt, dass ich das kann. Den Kindern hat meine Arbeit gefallen, auch den Professoren und den Mitarbeitern. Und mir sowieso! Das pädagogische Arbeiten hat mich so motiviert, dass ich diesen Weg weiter verfolgt habe“, erzählt sie, und als sie dann in der Zeitung eine Stellenanzeige für die Mitarbeit in einer jugendpsychiatrisch-therapeutischen Wohngemeinschaft im damaligen „Jupident“ in Schlins gesehen hat, hat sie sich beworben. „Ich habe den Job auch bekommen, zunächst aber noch mein Studium abgeschlossen. Das war im Jahr 1998, vor genau 20 Jahren also. Ich habe damals natürlich noch nicht geahnt, dass ich viele Jahre später wieder hier arbeiten werde…“.

Scheitern und Lernen

Die darauffolgende, eher kurze Zeit in Schlins bezeichnet Claudia Schedler als ihr „allerbestes Lehrjahr. Ich habe dort mit einem erfahrenen Team und gleichzeitig mit den schwierigsten Klienten gearbeitet, die man sich vorstellen kann“, meint sie nachdenklich. „Aber ich lasse mich nicht so leicht entmutigen, auch wenn die Herausforderungen groß sind. Ich habe dann ganz viel Kraft und Energie dranzubleiben und meine Vorhaben auch tatsächlich umzusetzen. Ich bin manchmal vielleicht ein bisschen zu schnell“, räumt sie ein, „und habe damit auch schon andere überfordert. Ich werde sehr schnell konkret und gehe rasch in die Umsetzung“. Claudia Schedler und ihr Team mussten bald darauf dann trotzdem aufgeben: „Man hat uns für diese WG nämlich nur noch Jugendliche zugewiesen, die einfach nicht mehr haltbar waren. Die WG ist nach einem Jahr geschlossen worden. Ich war bis zum bitteren Ende dabei. Wir sind an den Rahmenbedingungen gescheitert. Aber ich habe dort gelernt, praktisch zu arbeiten. Und das ist unglaublich wertvoll.“

Mit zwei Mitarbeitern aus ihrem ursprünglichen Team hat Claudia Schedler eine Arbeitsstelle in einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung in der Schweiz angenommen. „Dort war ich aber nur sehr kurz, weil es ganz und gar nicht meiner Haltung entsprochen hat. Die Einrichtung war sehr autoritär geführt.“ Danach hat Claudia Schedler ein halbes Jahr pausiert, hat mit ihrem damaligen Mann ein circa 200 Jahre altes Bauernhaus im Vorderen Bregenzerwald renoviert, in dem sie dann auch gemeinsam gelebt haben. „In diese Auszeit war ich einfach wieder einmal kreativ, habe gestaltet und ein bisschen geschrieben. Danach habe ich einige Zeit im Mädchenzentrum Amazone im offenen Betrieb gearbeitet – eine engagierte und schöne Zeit!“

Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau

Danach hat Claudia Schedler einen Job in der Flüchtlingshilfe der „Caritas Vorarlberg“ angenommen. Fünf Jahre lang hat sie dort gearbeitet und einmal mehr fürs Leben gelernt. Die Psychologin war am Aufbau zweier Flüchtlingshäuser beteiligt, hat Dolmetscher betreut, war für Qualitätssicherung verantwortlich. Ein Blick auf die überwiegend männlich besetzte Führungsebene lässt im Sozialbereich in Vorarlberg nachwievor schnell ein Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau erkennen: „Es arbeiten sehr, sehr viele Frauen an der Basis“, bestätigt Claudia Schedler. „Meine männlichen Mitstudenten waren in meinem Bereich extrem schnell in Führungspositionen, wir Frauen haben mehr dafür kämpfen müssen. Eine Gleichbehandlung habe ich da nicht wirklich erlebt. Für mich war es nicht so schlimm, ich habe mich in leitenden Positionen ohnehin nicht zuhause gefühlt.“

Weitaus schlimmer als dieses Ungleichgewicht hat Claudia Schedler so manche Erlebnisse als Frau in der Flüchtlingshilfe in Erinnerung: „Ich habe unvorstellbare Dinge erlebt, die man ohne Weiteres in die sogenannte Me too-Debatte einordnen könnte: Ich bin sogar in Sitzungen mit Politikern hin und wieder unter der Gürtellinie angemacht und zweideutig abgewertet worden – und zwar so, dass es sogar meinen männlichen Kollegen unangenehm aufgefallen ist“, erzählt Claudia Schedler und schüttelt angewidert den Kopf. Irgendwann habe sie dann aber gelernt, sich dieses Verhalten zunutze zu machen: „Wenn ich ihr Verhalten schon nicht ändern konnte, dann konnte ich zumindest ergründen, bei wem welche Schwachpunkte liegen und dadurch geschäftlich erfolgreich zu verhandeln: Ich habe bei meinen Sitzungsvorbereitungen diesen Aspekt bewusst und strategisch eingesetzt und so aus einer vermeintlichen Schwäche eine Stärke gemacht. Nur so konnte ich in dieser extrem männlich dominierten Welt weiter arbeiten. Unfassbar.“

Persönliche Begegnungen würden vieles erleichtern

Seit dieser Zeit bei der Flüchtlingshilfe weiß Claudia Schedler: „Mich haut so schnell nichts um. Wenn ich diese Arbeit machen konnte, kann ich vieles machen.“ Die Arbeit und die Anstrengung seien es aber allemal wert gewesen: „Weil die Zusammenarbeit mit dem Klientel einfach eine sehr bereichernde ist. Ich habe so viel Schönes erlebt. Die teils heftig geführten Flüchtlingsdebatten tun mir richtig weh“, bedauert sie. „Da werden Ängste und Unwissenheit ausgenützt und Unfrieden geschürt. Die medial transportierte Wahrnehmung ist einfach verzerrt. So vieles müsste nicht sein, wenn man sich einfach einmal begegnen würde, wenn sich jeder selbst ein Bild machen könnte:

Wir haben beispielsweise in Bezau das Flüchtlingshaus gerade in dem Jahr – nämlich 2005 – eröffnet, als die große Hochwasserkatastrophe das ganze Land erschüttert hat. Wir haben in dieser Zeit alle mitgeholfen. Egal ob Flüchtlinge oder Einheimische. Irgendwann zwischendurch hat mich jemand gefragt, wann denn eigentlich die Flüchtlinge einziehen würden. Und ich habe gesagt: Die sind schon da und helfen gerade mit, die Sandsäcke zu schleppen. Diese Begegnungen haben Integration geschaffen. Einige der damaligen Flüchtlinge leben noch heute in Bezau und sind dort richtig zuhause. Natürlich hat es auch Probleme gegeben, keine Frage. Wenn 40 Menschen auf engem Raum zusammenleben, dann gibt es immer Reibereien. Ich selbst habe lange in einer Siedlung in Vorarlberg gelebt, in der sogar der abwechselnde Putzdienst im Stiegenhaus zu Streitereien geführt hat. Es ist nur schade, dass ein- und dieselben Probleme manchmal so unterschiedlich bewertet werden.“

Drohbriefe und Unterstellungen

Während ihrer Zeit bei der Flüchtlingshilfe hat Claudia Schedler eine neue Liebe kennen gelernt, mit der sie inzwischen auch verheiratet ist: Martin Fellacher leitete damals die Flüchtlingshilfe, Claudia Schedler lebt heute mit ihm und ihren zwei „Bonus-Teenagerkindern“, wie sie es gerne nennt, als Patchwork-Familie in einem Haus aus den 1950er Jahren in Feldkirch. Natürlich hat Claudia Schedler das Gebäude gemeinsam mit ihrer Familie originalgetreu saniert…

Das Ehepaar ist wegen seiner Arbeit in der Flüchtlingshilfe immer wieder bedroht worden, Claudia Schedler erzählt heute ganz offen: „Wir haben böse Briefe bekommen, in denen beispielsweise stand, wir wären am Untergang Österreichs beteiligt und würden dabei helfen, unser Land zu islamisieren. Ein Absender hat tatsächlich vorgeschlagen, mich erst einmal zu vergewaltigen – damit ich merke, wen ich da eigentlich unterstütze… Es war schwierig, die eigene Privatsphäre zu schützen. Und das ist mir dann irgendwann zu viel geworden.“

Ein Zuhause auf Zeit

Claudia Schedler hat nach ihrer Zeit bei der Flüchtlingshilfe ihre Arbeit im Psychologischen Fachdienst der „Stiftung Jupident“ begonnen. Die Einrichtung bietet jenen Kindern und Jugendlichen ein Zuhause auf Zeit, die aus sozialen, psychischen oder körperlichen Gründen Unterstützung brauchen. Rund 200 junge Menschen werden dort aus den unterschiedlichsten Gründen auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben begleitet. Die Hintergründe, warum ihre Herkunftsfamilien Unterstützung brauchen, sind unterschiedlich – liegen in soziale Ursachen genauso wie in psychischen und körperlichen. Neben Tages- und Kinderwohngruppen gibt es auch Jugend-WGs, denn die Begleitung ist bis hin zur ersten eigenen Arbeitsstelle möglich. „Jupident“ versteht sich dabei aber nicht als „Ersatz“ für die Familie, sondern als „Ergänzung“. Eltern arbeiten im Idealfall eng mit den Betreuern zusammen.

Claudia Schedler ist seit nunmehr neun Jahren in der Stiftung in Schlins tätig. In diesen Jahren habe sich viel verändert, die Pädagogik und ihre Methoden haben sich weiter entwickelt. „Es ist wirklich schön, das mitzuerleben, auch wenn wir noch einen langen Weg vor uns haben“, weiß die Psychologin. „Gewalt ist glücklicherweise seit 1989 komplett verboten. Und das Bewusstsein darüber ist – zumindest in Fachkreisen – schon sehr fest verankert. Zudem wissen wir immer mehr: auch wir Erwachsene können uns verändern und etwas tun, um eine Situation zu verbessern. Denn wenn ich mich verändere, dann verändert sich auch das System – wenn ich also als Eltern etwas verändere, dann verändert sich in den meisten Fällen auch das Verhalten des Kindes.“

Claudia Schedler mit Hund „Frodo“ ©Claudia Schedler

Foto: ©Claudia Schedler
Claudia Schedler: „Hund Frodo war eine Zeit lang mein Begleiter in der Therapie und im Unterricht. Frodo ist der tollste Hund, den ich jemals kennengelernt habe. Er hat eine unglaubliche Wirkung auf die Kinder.“

Pädagogik im Wandel

Aus ihrem persönlichen Blickwinkel heraus, habe sich sehr viel durch die Strömung „Neue Autorität“ zum Positiven verändert. Claudia Schedler ist sich durchaus bewusst, dass allein schon das Wort „Autorität“ problematisch behaftet ist und Bauchweh auslösen kann. „Davon lösen wir uns aber schön langsam. Das Konzept Neue Autorität, das aus Israel kommt, ist in den vergangenen 20 Jahren schrittweise international weiter entwickelt worden und gibt Anleitungen, wie man mit schwierigen Verhaltensweisen umgehen kann. Es bietet gewaltfreie Werkzeuge, die Eltern bestimmte Krisensituationen erleichtern können. Es macht einem bewusst, dass man nicht hilflos ist, sondern etwas TUN kann – auch ohne das alte Prinzip des Machtgefälles zwischen Eltern und Kind.“ Ausgegangen ist das Konzept übrigens von ratlosen und verzweifelten Eltern, die in der Erziehung ihrer Kinder schlicht nicht mehr weiter wussten.

Mit der Strömung „Neue Autorität“ befasst sich die Psychologin bereits seit dem Jahr 2010. Sie ist auch Mitinitiatorin des Netzwerkes „Gewaltfreier Widerstand Vorarlberg“ – kurz „ GfW-Vorarlberg“ und von „PINA- Pädagogisches Institut für Neue Autorität“ . Wichtig ist dem Elterncoach auch immer wieder das Ansprechen und Transparentmachen von Problemen: „Das ist natürlich nicht so einfach, wie ich damals beispielsweise während meiner Arbeit in der Schweizer Einrichtung erleben musste. Es ist auch heute für viele nicht einfach, sich ein Problem oder gar eigenes Scheitern einzugestehen. Dazu braucht es Mut und eine positive Einstellung“, erklärt Claudia Schedler und macht deutlich: „100prozent wirksame Lösungsstrategien gibt es in der Pädagogik nicht. Jeder Mensch, jede Situation ist einzigartig. Und je mehr ich gelernt habe, desto bescheidener bin ich in meinem Blick auf mein eigenes Können geworden.“

Unsicherheit bei Eltern

Claudia Schedler hat in den vergangenen Jahren als Elterncoach eine große Unsicherheit bei ihren Klienten bemerkt. Die klaren, hierarchischen Strukturen, die früher teils durch Gewalt aufrechterhalten worden sind, sind längst zusammen gebrochen. Die Frage nach Alternativen lässt viele ratlos zurück: „Eltern brauchen neue Antworten auf die Frage, wie man Kinder erziehen kann, ohne sich selbst alles gefallen lassen zu müssen“, weiß die Psychologin aus langjähriger Erfahrung. „Manchmal muss ich meinen Klienten fast schon so etwas wie die Erlaubnis dazu geben, dass sie ihre Rolle als Eltern auch wahrnehmen dürfen – und müssen, Grenzen abstecken dürfen und sollen!

Es gibt Kinder, die sind einfacher im Umgang, andere sind schwieriger – die kommen mit einem Temperament auf die Welt, dem nur sehr schwer zu begegnen ist. Und da braucht man einfach mehr. Auch mehr Unterstützung und Hilfe. Kinder kann man nicht alleine großziehen, dafür braucht es ganz viele Menschen, ein Umfeld. Und damit meine ich nicht irgendwelche absurden Ratgeber und Tipps, sondern Menschen mit Gespür, Instinkt und der Fähigkeit, mit Kindern in Kontakt zu treten. – eben ein Umfeld, das die Eltern bei ihrer Erziehung unterstützt und stärkt.“

Berührende Kinderschicksale

Manche Schicksale, die Claudia Schedler begleitet, gehen ihr „mitten ins Herz. Und bleiben auch dort. Manche Schicksale sind einfach so berührend, dass ich mich ganz bewusst an meine professionellen Grenzen halten muss. Ich weiß ja inzwischen, wo meine Impulse herkommen, und ich kenne mich gut genug, um das jedes Mal aufs Neue zu schaffen.“ In solchen Situation helfen ihr Supervisionen und der Austausch mit Kollegen. Natürlich gebe es in ihrer Arbeit als Psychologin immer wieder ganz besonders intensive, mitunter auch belastende Phasen, in denen sie weniger gut abschalten kann. „Aber das Tolle an der Arbeit mit unseren Kindern ist, dass es in den allermeisten Fällen eine positive Entwicklung gibt.

Natürlich braucht‘s einen Ausgleich, und den finde ich auch durch Bewegung oder im Garten. Das erdet. Ich habe auch gelernt, mehr auf mein Stundenpensum zu achten, mir bewusst meine Freizeit zu erlauben, auf Balance zu achten. Ich habe gelernt, nach Hause in mein eigenes Leben zu gehen. Manchmal trage ich etwas aus der Arbeit mit, aber dann sollen es bewusst die positiven und lustigen Ereignisse sein.“

Und wenn gar nichts mehr hilft, dann hilft „Oups“, der Kinderschutzbeauftragte der „Stiftung Jupident“ und Claudias Assistent. Die Stoffpuppe hat eine eigene Email-Adresse: oups@jupident.at . Manchmal schreibt er im Auftrag der Kinder Nachrichten an den Kinder- und Jugendanwalt. Oups ist der ungefährliche, liebenswürdige und unvoreingenommene Gesprächspartner, dem sich einige der Kinder einfach viel lieber anvertrauen, als einem realen Menschen. Zudem lebt Oups ganz ungeniert jene Seiten des Lebens aus, die man öffentlich gerne vermeidet: er ist frech und direkt und blöd und vergesslich und lieb und kann Peinliches und Unangenehmes ansprechen. Er kann etwa mit einer Leichtigkeit darauf hinweisen, dass Socken stinken, ohne eine beschämende Situation zu erzeugen.

„Oups“ macht auch auf die Gefahren im Alltag aufmerksam; Foto: ©Claudia Schedler

„Oups“ macht auch auf die Gefahren im Alltag aufmerksam; Foto: ©Claudia Schedler

„Er ist so erfolgreich, weil er nicht gefährlich ist“, erklärt Claudia Schedler. „Es gab Kinder, die am liebsten mit Oups zusammen gearbeitet haben. Ich kann mich an einen schwer traumatisierten Buben erinnern, der sogar ausschließlich ihn akzeptiert hat. Niemanden sonst. Sobald ich selbst als Person ins Spiel gekommen bin, ist die Situation für diesen Buben bereits wieder bedrohlich geworden. Oups hat sogar schon Eskalationen entschärft. Es mag zu Beginn für einige Menschen befremdlich gewirkt haben. Aber schlussendlich haben wir durch ihn so viel geschafft, dass da so manche Eltern, Schuldirektoren und Außenstehende ihre eigene Schamgrenze bald überwunden haben. Oups ist sogar eingeladen worden, in London einen Vortrag zu halten – da war es an der Zeit, meine eigene Schamgrenze zu überwinden“, schmunzelt die Psychologin.

Sie selbst hat die Stofffigur – die übrigens ein Prototyp ist und in dieser Form gar nicht mehr hergestellt wird – vor ein paar Jahren von einem jungen Mann bekommen, dem er selbst sehr wichtig war: „Das war viele Jahre sein ständiger Begleiter. Dieses Geschenk war eine unglaublich berührende Geste und seither hat Oups schon viel Gutes bewirkt.“

Auszeit

Ende Mai verabschiedet sich Claudia Schedler für drei Monate in ihren ersten Sabbat: „Ich freue mich schon sehr auf diese Auszeit, auf diese Gefühl, am Morgen nicht aufstehen zu müssen, ausschlafen zu können. Denn ich bin ja eigentlich ein Nachtmensch“, lacht sie. „Ich habe vor, meinen Garten zu gestalten, liebe Menschen zu besuchen und vor allem zu reisen – unter anderem nach Papua Neuguinea, eine Art Wahlheimat meines Mannes, der dort zwei Jahre lang in der Entwicklungszusammenarbeit tätig war.“

In weiterer Zukunft steht für Claudia Schedler ein ganz persönliches Projekt an: sie möchte den künstlerischen Nachlass ihres Vaters verwalten. „Und ich weiß, dass mir das große Freude bereiten wird. Er hat eine unglaubliche Bildersammlung und tolle eigene Plastiken!“ Generell ist sich die Psychologin bewusst, dass ihre Eltern über 80 Jahre alt sind: „Ich möchte die beiden in diesem Lebensabschnitt so gut es geht begleiten – das wird natürlich auch mein Berufsleben ein wenig verändern“, denkt sie laut nach. „Da werden bestimmt Veränderungen auf mich zukommen. Aber das Leben ist, wie es ist und ich lasse es auf mich zukommen. Ich weiß aber, dass das die große, große Herausforderung in meinem bisherigen Leben sein wird.“

Verfasst im April 2018

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