Judith Benzer

Selbständige Architektin und Universitäts-Lektorin

Die gebürtige Feldkircherin hat schon als Schülerin lieber Stühle gezimmert als Röcke genäht – heute gestaltet und baut Judith Benzer ganze Häuser und Gebäudekomplexe. Gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Anja Löffler betreibt sie in Wien, wo sie inzwischen lebt, ein eigenes Architekturbüro und unterrichtet am Institut für Raumgestaltung an der Technischen Universität Wien.

Dass Judith Benzer in ihrer Rückschau auf ihre Kindheit in Vorarlberg besonders das „großzügige Schweifgebiet“ in Feldkirch liebevoll erwähnt, freut uns besonders: Denn wir haben unsere frühen Kinderjahre gemeinsam mit ihr – Tür an Tür – verbracht. Nichts beschreibt die Umgebung aus Wald, Wiesen und Felder besser als das von Judith erwähnte „Schweifgebiet“. „Wir waren sehr viel draußen unterwegs, haben gerade mal zum Essen kurz zu Hause vorbeigeschaut“ erzählt sie. Und genauso war es. „Ich glaube, ich habe als Kind sehr viele Freiheiten genossen.“ Dass aus Judith, mit der wir damals Hütten gebaut haben, einmal eine Architektin wird, ahnten wir damals natürlich noch nicht. Sie selbst vielleicht schon eher:

Die Planung des eigenen Kinderzimmers

Denn Judith Benzer hat bereits damals im Werkunterricht in der Volksschule gemerkt, dass sie lieber mit den Buben einen Stuhl gebaut hätte, als einen Rock zu nähen. Und als sie zehn Jahre alt war, hat sie ganz bewusst miterlebt, wie ihre Eltern mit einem Architekten gemeinsam ein Haus geplant haben. „Ich kann mich erinnern, dass ich zu den Planungsbesprechungen immer mitkommen wollte. Mich hat das damals schon sehr fasziniert. Sich das eigene, neue Zimmer auszudenken war recht aufregend. Ich glaube, damals war ich das erste Mal bewusst mit räumlicher Vorstellung konfrontiert. Das dürfte mich geprägt haben.“ Dass ihre Eltern aus ganz anderen Berufssparten kommen, sieht Judith im Rückblick als eher hilfreich an – sie konnte sich ohne großartige Beeinflussung ihren ganz eigenen Berufsweg gestalten, und diesen hat sie in Wien mit ihrem Studium an der Technischen Universität begonnen.

Die klassische Pickenbleiberin

Der Abschied aus Vorarlberg sei ihr nicht sonderlich schwer gefallen, erzählt Judith Benzer: „Ich ging ja nicht alleine nach Wien studieren, einige meiner Freunde haben sich auf den gleichen Weg gemacht. Wir haben jetzt noch eine recht eingeschworene Vorarlberger-Clique hier. Es wird dreimal gebusselt und Dialekt gesprochen.“ Obwohl Vorarlberg als Architektur- und Holzbauland gilt, noch dazu als eines, dessen Baukunst immer wieder Architektengruppen aus ganz Europa zu Besuchen ins Land lockt, hat Judith ihr Büro in Wien eröffnet. „Ich war die klassische „Pickenbleiberin“. In Wien studiert, verwurzelt, gearbeitet, ein berufliches Netzwerk aufgebaut“, sagt sie und gibt zu, dass sie Wien als Bürostandort bis jetzt noch nicht einmal hinterfragt hat.

Ein eigenes Architekturbüro

Judith Benzer charakterisiert sich selbst als „stur“ – mit allen positiven und negativen Aspekten, die das „stur-sein“ mit sich bringt. Als sie mit ihrer Geschäftspartnerin ihr Architekturbüro eröffnet hat, habe sie als Frau keinen Widerstand gespürt. Judith hält sich auch nicht lange damit auf, nach Widerständen zu suchen. Für die Schwester eines großen Bruders war und ist es ganz klar, dass sie dasselbe leisten kann und muss wie ihre männlichen Kollegen. Auch wenn die ersten drei Jahre in der Selbständigkeit nicht immer einfach waren, ist Judith heute froh, dass sie diese Hürde gemeistert hat und mittlerweile immer gut ausgelastet ist. Zu ihren schönsten Erfolg, sagt sie, zählt neben den Holzbaupreisen zum „Sommerhaus Südburgenland“ auch das Fortbestehen ihres Büros. Sie empfindet die Architektur als sehr vielseitig. Auch ihren Studenten will sie vermitteln, dass in ihrem Beruf Freude am Gestalten, am Hinterfragen und am Austüfteln von Lösungen essentiell sind, „dann sieht man auch über die nicht so spannenden Themen hinweg, die in jeder Berufssparte dazugehören“.

Eine Frau auf der Baustelle

Ein bisschen anders erlebt Judith Benzer die Frage der Gleichberechtigung noch auf den Baustellen: „Da ist das Bild der Architektin ab und zu noch etwas ungewohnt. Aber auch da tritt man mir respektvoll entgegen. Wenn ich mich als Frau auf der Baustelle nicht in Frage stelle, dann steht die Frage auch nicht im Raum.“ Laut denkt Judith nach, dass es „wahrscheinlich Unterschiede gibt, in dem wie Frauen und Männer an Problemstellungen herangehen. Vielleicht müssen sich manche im Baugeschehen an die Herangehensweise von Frauen erst gewöhnen.“ Ihre Kollegin und sie haben hier aber keine negativen Erfahrungen gemacht. Allerdings weiß die Mitte-Dreißigjährige, dass das nicht immer so selbstverständlich war: „Wir wurden einmal in der Presse mit Kolleginnen einer älteren Generation zu einem ähnlichen Thema befragt. Eine ältere Kollegin war hier schon noch davon überzeugt, dass es diese männlichen Seilschaften in der Berufssparte gibt. Ich glaube, in unserer Generation ist das kein Thema mehr. Ich bin froh, dass einige Vorreiterinnen uns hier schon den Weg geebnet haben.“ Judith Benzer freut sich auch, dass heuer endlich wieder Baustellenjahr ansteht, „nach vielen Stunden im Büro sieht 2017 nach Bauen aus“.

Einfamilienhaus muss überdacht werden

Ihre Sommer verbringt Judith Benzer gerne in Vorarlberg, am Bodensee. „Die Weite und dass man den Horizont sieht, finde ich sehr erholsam. In der Architektur fängt der Panoramaraum im vorarlberg museum diesen Moment auch wunderbar ein.“ Sie genießt es, dass man in Vorarlberg – im Gegensatz zu Wien – nicht erst in ein Auto steigen muss, um in der Natur zu sein. Leider sei das Rheintal in ihren Augen mittlerweile schon sehr dicht bebaut: „Wir müssen hier dringend umdenken. Das Einfamilienhaus muss endlich überdacht werden. Es gibt tolle Lösungen, verdichtet zu bauen und trotzdem einen Bezug zur Natur zu schaffen“, sagt die Architektin.

Zeit für sich selbst

Mit ihrer Arbeit als selbständige Architektin und Uni-Lektorin ist Judith Benzer mehr als eine Vollzeitarbeiterin. Umso wichtiger ist es ihr, auch darauf zu achten, Zeit für sich selbst zu haben: „Ich arbeite konsequent nicht an Wochenenden und bin extrem schlecht darin, mich nach 22.00 Uhr noch zu konzentrieren. Meine Büro-Mails sind an meinem Handy nicht abrufbar.“ Und sie nimmt sich zu Herzen, was sie von ihrem ersten Arbeitgeber gelernt hat: „Innerhalb von 24 Stunden muss man grundsätzlich nicht antworten. Dazwischen sollte man ja auch noch nachdenken.“

Und was sich Judith Benzer und ihre Geschäftspartnerin Anja Löffler dabei gedacht haben, als sie ihr Architekturbüro „24gramm Architektur“ genannt haben, beschreiben die Architektinnen auf ihrer Homepage:
http://www.24gramm.com

Verfasst im Jänner 2017

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