Lea Wimmer

Modistin

Seit gut vier Monaten ist d’Gass in Hohenems, wie dieser Innenstadtteil mit den kleinen, zumeist kreativen Geschäfte umschrieben wird, um ein Handwerk reicher: mit ihrer Hutmacherinnenwerkstatt „Aurore et George“ ist Lea Wimmer nach langen Studien-, Arbeits- und Ausbildungsjahren im In- und Ausland in ihre Heimat Vorarlberg zurück gekehrt. Die gelernte Modistin, umgangssprachlich auch „Hutmacherin“ genannt, träumt davon, „dass die Menschen ihre Individualität feiern, anstatt sie mit austauschbaren Modeaccessoires zunichte zu machen“.

Und Lea Wimmer macht es vor. Ihre Begeisterungsfähigkeit ist ansteckend. „Wenn ich mich für etwas begeistere, dann bin ich kaum zu bremsen“, betont sie fröhlich, als wir sie in ihrer Werkstatt in Hohenems besuchen. „Ich muss dann das, was mich so fasziniert, sofort, intensiv und ausführlich und ausschließlich haben, umsetzen oder ausführen. Ich werde förmlich überrumpelt von meiner eigenen Begeisterung für etwas!“

Titelfoto: ©Ricardo Wiesinger

Zwischen Planen und Durchführen

Dass sie ihre Begeisterungsstürme auf ihrem bisherigen Lebensweg aber nicht nur angetrieben, sondern auch ausgebremst haben, sieht die Anfang-30-Jährige heute auffallend reflektiert: „Ich sehe das bei mir mittlerweile durchaus zweischneidig“, erklärt Lea Wimmer. „Ich empfinde es auf der einen Seite als großes Talent, dass ich sehr gut etwas zusammenspinnen und planen kann. Leider lassen dieses Sofort, Intensiv und Ausschließlich oft keinen Platz mehr, um gründlich nachzudenken. Und das Bedürfnis zu haben, etwas umzusetzen ist eben das eine. Es dann aber auch zu tun, dabei zu bleiben und zu Ende zu führen, das ist das andere. In solchen Situationen bin ich dann so richtig gefordert und ganz schön in Bewegung“, gibt sie offen zu, „und war eigentlich schon immer so“:

Die älteste von fünf Geschwistern

Lea Wimmer ist als älteste von fünf Kindern in Klaus in Vorarlberg aufgewachsen, gemeinsam mit zwei Schwestern und zwei Brüdern, „was mich auch geformt hat“, betont sie. Denn es sei ihr relativ früh bewusst geworden, dass sie die älteste ist und als solche auch eine gewisse Verantwortung übernommen hat: „Das war sehr prägend für mich und ich sehe, dass ich ein Stück weit auch dadurch der Mensch geworden bin, der ich heute bin. Ich habe mich beispielsweise immer mit meinen Wünschen zurück genommen, habe mir gesagt, dass ich nichts von meinen Eltern geschenkt bekommen möchte. Ich habe sehr früh gemerkt habe, dass die Kleinen schon genug wollten und meine Eltern eben nicht immer alle Wünsche erfüllen konnten – klar, bei fünf Kindern!“

Lea Wimmer; Foto: ©Ricardo Wiesinger

Lea Wimmer; Foto: ©Ricardo Wiesinger

Lea Wimmer hat diese Einstellung im Alter von 14 Jahren allerdings bewusst geändert: „Ich habe damals für mich beschlossen, dass ich auch einmal wollen darf. Danach hat sich mein persönliches Universum komplett geändert. Diesen Pfad dieser 14-Jährigen, die irgendwann einmal beschlossen hat, darauf zu achten, nicht unter die Räder zu kommen, muss ich auch heute noch gehen. Ich muss immer wieder einmal bewusst zu mir selbst stehen.“ Lea Wimmer zeigt sich heute noch erstaunt und auch ein bisschen stolz, dass ihr das bereits als 14-Jährige so bewusst war.

Begeisterung für Textilien

Einen ihrer ersten großen Begeisterungsstürme hat Lea Wimmer im Umgang mit Textilien erlebt. Als kleines Mädchen habe sie ihren Schaffellteppich im Kinderzimmer auseinander genommen, zerlegt und aus dem Leder Puppenkleider genäht hat. „Ich habe unter anderem einen Indianer-Umhang daraus gemacht. In diesem Moment – und daran kann ich mich noch ganz genau erinnern – war ich komplett in meiner Arbeit versunken, um mich herum existierte die Welt nicht mehr.“

Alte Strohborten; Foto: ©Ricardo Wiesinger

Alte Strohborten; Foto: ©Ricardo Wiesinger


Alte Ripsbänder; Foto: ©Ricardo Wiesinger

Alte Ripsbänder; Foto: ©Ricardo Wiesinger

Das Nähen hat sie früh von ihrer Mutter gelernt, „sie hat für uns Kinder einiges selbst gemacht. Ich bin schon als kleines Mädchen an ihrer Nähmaschine gesessen und habe Kleidung für meine Puppen hergestellt. Und wenn ich durch Stoffläden gegangen bin, musste ich einfach mit der Hand über die Stoffballen tasten, musste wissen, wie sich die einzelnen Stoffe anfühlen.“ Textilien seien Lea Wimmer auf eine gewisse Art und Weise immer schon sehr nah gewesen.

Begeisterung fürs Theater

Eine weitere große Leidenschaft entwickelte sich von dem Moment an, als Lea Wimmer als 17-Jährige zum ersten Mal als aktive Teilnehmerin Bühnenluft schnuppern durfte. Ein „Duft“, der von da an ihren Lebens- und Berufsweg immer wieder gelenkt hat. Durch ihren Vater, dem damaligen Requisitenchef der Bregenzer Festspiele, hatte die HTL-Schülerin einen Sommerjob als Ankleiderin ergattert. Und sie denkt heute noch gerne an diese Zeit zurück.

Im darauffolgenden Herbst war Vater Wimmer als technischer Leiter für den Bühnenaufbau am Theater Kosmos in Bregenz verantwortlich. Und wieder war Tochter Lea dabei. „Ich weiß noch genau, wie mein Papa damals unter großem Zeitdruck eine fluoreszierende Farbe auftragen musste. Ich habe ihm nachts um drei Uhr noch beim Anmalen geholfen.“ Danach – Lea Wimmer kann selbst nicht mehr sagen, warum – habe sie sich für diese Bühne verantwortlich gefühlt, hat sie vor jeder Vorstellung eigenhändig geputzt. Eins ergab das andere und schließlich ist sie zwei Jahre lang beim Theater Kosmos geblieben. „Als Mädchen für alles habe ich mich um Requisiten gekümmert, war bei Proben dabei, habe bei Anproben geholfen, hatte hin und wieder auch Assistenzjobs bei den Ausstattern“. Erst als sie sich dann intensiv um ihr Maturaprojekt kümmern musste, ist Lea Wimmer in ihren Theaterjobs ein wenig kürzer getreten.

Begeisterung für den Film

Nach ihrem Schulabschluss ist Lea Wimmer dann nach Wien gezogen, um Theater,- Film- und Medienwissenschaft zu studieren. „Mein Schwerpunkt lag dabei sehr lange auf visueller Zeit- und Kulturgeschichte. Daneben habe ich am Theater an der Wien und später dann in der Videothek Alphaville International Video Store gearbeitet, deren Chef auch das Gartenbaukino geleitet hat.“

Dadurch ist Lea Wimmer immer mehr in eine neue Leidenschaft eingetaucht – nämlich in das Metier „Film“: „Ich habe mich dadurch auch kurzzeitig ein bisschen vom Theater entfernt, bin einem Filmklub der Uni beigetreten, den ich dann irgendwann auch geleitet habe. Wir haben pro Semester bis zu fünf Filmabende organisiert. Ich habe in dieser Zeit unheimlich viel über dieses starke Medium gelernt“, erzählt sie rückblickend. Sechs Jahre ist Lea Wimmer in Wien geblieben, war selten zuhause in Vorarlberg. In den Ferienmonaten im Sommer hat sie gearbeitet – unter anderem im Archiv im „Filmmuseum Wien“ .

Richtungswechsel in der Zielgeraden

Ihre letzte Zeit in Wien umschreibt Lea Wimmer als „schwierige Phase“. Als es nämlich daran ging, ihr Studium abzuschließen und ihre Diplomarbeit zu schreiben, haben sie Zweifel übermannt: „Im Diplomanden-Seminar wurde damals gerade ein Diplomarbeitsthema besprochen, in dem es um die schlechte Kritik eines Theaterstückes ging. Eine Mit-Studentin hatte ihre Arbeit über den anschließenden Skandal verfasst, den diese schlechte Kritik ausgelöst hatte. Und urplötzlich kam mir das alles komplett sinnlos vor. Ich saß da und dachte nur: Du meine Güte. Wo geh ich da jetzt nur hin?! Mir ist schlagartig bewusst geworden, dass ich mich immer weiter von der Substanz, also vom eigentlichen Film und vor allem vom Theater entfernt hatte. Vom Machen. In dem Moment ist alles zusammengefallen. Alles lag in Scherben…“.

Ihr Studium hat sie nicht abgeschlossen. Bis zu dem Zeitpunkt hatte Lea Wimmer bereits 500 Seiten für ihre Abschlussarbeit verfasst. „Meinen eigenen, persönlichen Ansprüchen hat das einfach nicht genügt. Ich habe die Arbeit abgebrochen und war so froh. Das war einer der wichtigsten Momente meines bisherigen Lebens. Ich hatte mir selbst zugehört, hatte den Mut aufgebracht, abzubrechen. Ich habe das Studium geliebt, und ich möchte die Zeit nicht missen. Aber ich möchte auch nicht missen, dass ich es abgebrochen habe. Eine derart große Selbstüberwindung hatte ich bis dahin nicht gekannt.“

Lehre mit 30

Lea Wimmer ist danach wieder Richtung Westösterreich gezogen, hat beim Feldkirch Festival, beim Theater Kosmos und beim Landestheater Innsbruck wieder als Regie- und Ausstattungshospitantin und -assistentin gearbeitet und gemerkt, wie sehr ihr die Theaterluft, das Handwerk gefehlt hatten – und die Emotionen, die sie damit verbindet. „Wer Theater einmal so erlebt hat, den lässt es nicht mehr los“, schwärmt sie. Auf der Suche nach Theaterjobs ist sie danach in Magdeburg in Deutschland gelandet, wo sie drei Jahre lang gelebt und gearbeitet hat. „Eigentlich nur gearbeitet“, schränkt sie ein, „denn ich habe außerhalb des Theaters nur eine einzige Person gekannt“. Angesichts dessen musste sie schließlich wieder eine Entscheidung treffen, „so ganz ohne Perspektive konnte es nicht weiter gehen. Das war knallhart. Ich habe alle Zelte abgebrochen, gekündigt und Magdeburg verlassen…“.

Zu der Zeit war am Staatstheater Hannover eine Ausbildungsstelle zur Modistin ausgeschrieben. „Ich war begeistert, habe mich beworben“, erzählt Lea Wimmer, „und die Stelle auch tatsächlich bekommen. Ich habe also als knapp 30-Jährige eine dreijährige Lehre begonnen – es war keine einfache Zeit, aber sie hat sich gelohnt“. Am Ende des zweiten Lehrjahres hat die Modistin beschlossen, ihre eigene Werkstatt zu gründen. „Diesmal haben mir meine Begeisterung, meine Pläne und Visionen für meine Hutmacherinnenwerkstatt den Ansporn verpasst, die Ausbildung tatsächlich bis zum Ende durchzuziehen!“

Lea Wimmer hat sich Vorarlberg ganz bewusst als Standort für ihre Werkstatt ausgesucht. Nicht Hannover. Nicht London oder Berlin: „Dort hätte ich eines von vielen Hutgeschäften geführt und wäre viel stärker Trends und Modevorgaben unterworfen. Ich wollte mit Aurore et George etwas Neues schaffen, mich nicht ins gemachte Nest setzen, wo zudem noch die Konkurrenz viel größer ist.“

Der Name ihrer Hutmacherinnenwerkstatt in Hohenems geht übrigens zurück auf die französische Schriftstellerin Aurore Dupin, die unter dem männlichen Pseudonym George Sand im 19. Jahrhundert Romane, Berichte und Kritiken verfasst hat: „Sie hat mich genauso fasziniert wie die australische Schauspielerin Judy Davis, die Aurore Dupin im Historienfilm Impromptu verkörpert.

Lea Wimmers Zwischenprüfungshut; Foto: ©Schwarz auf Weiß

Lea Wimmers Zwischenprüfungs-Hut; Foto: ©Schwarz auf Weiß

Mein Zwischenprüfungs-Hut verkörpert übrigens mit seinen drei Schwalben die Schriftstellerin, die Schauspielerin und jene Person, zu der diese beiden Frauen im Film zu einer neuen, fiktiven Figur verschmelzen“, erklärt sie. Über die ganze Geschichte hinter dem Geschäftsnamen „Aurore et George“ schreibt Lea Wimmer auch auf ihrer Homepage.

Neben der Standortfrage für ihre Werkstatt führten Lea Wimmer übrigens auch familiäre Gründe wieder zurück nach Vorarlberg: „Ich kenne ja meine jüngste Schwester kaum – sie ist elf Jahre jünger als ich, und ich war fast 15 Jahre lang von zuhause weg! Ich möchte nicht nur meine Geschwister wieder besser kennen lernen, sondern auch Vorarlberg neu erkunden.“ Lea Wimmer ist nicht nur zurück nach Vorarlberg, sondern auch zurück in ihr Elternhaus gezogen. Dort wohnt sie nach so vielen Jahren mit beinahe der gesamten Familie wieder unter einem Dach: „Bis auf eine Schwester wohnen alle meine Geschwister wieder zuhause. Teils bereits mit ihren eigenen Kindern“, lacht sie.

Lea Wimmer fühlt sich nach ihrer Geschäftseröffnung im November 2017 in Hohenems gut aufgenommen. „Das motiviert! Noch bin ich natürlich zu wenig lange da, um Trends und Vorlieben zu erkennen und wirklich beurteilen zu können, ob man in Vorarlberg wieder mehr Interesse für Kopfbedeckung entwickeln möchte. Ich spüre natürlich auch noch eine gewisse Unvertrautheit den Hüten gegenüber – abgesehen von Kappen und Mützen natürlich, die ja sowieso jeder trägt. Aber irgendwie wertet man die gar nicht als Kopfbedeckung im klassischen Sinn. Denn das, was man praktisch erklären kann – beispielsweise dass man eine Kappe zum Schutz gegen Kälte oder einen Hut für einen besonderen Anlass trägt – ist automatisch alltagstauglich…“.

 Holzkrempen; Foto: ©Ricardo Wiesinger

Holzkrempen; Foto: ©Ricardo Wiesinger


Aufarbeiten einer Krempenform; Foto: ©Ricardo Wiesinger

Aufarbeiten einer Krempenform; Foto: ©Ricardo Wiesinger

Die Modistin ist sich aber sicher, dass man diese Selbstverständlichkeit, wieder andere Arten von Kopfbedeckungen zu tragen, schulen kann: „Ich möchte das zumindest versuchen. Ich habe das Gefühl, ich kann dazu beitragen.“ Lea Wimmer hat sich bewusst zum Ziel gesetzt, so viel wie möglich selbst herzustellen, nach Kundenwünschen zu arbeiten und Einzelstücke zu fertigen. Sie will so wenig wie möglich zukaufen.

Leidenschaften in Werkstatt gebündelt

In der Werkstatt „Aurore et George“; Foto: ©Darko Todorovic

In der Werkstatt „Aurore et George“; Foto: ©Darko Todorovic

In Lea Wimmers Werkstatt schließt sich ihr ganz persönlicher Kreis: denn in ihrem „Aurore et George“ lassen sich ihre großen Leidenschaften für Film, Theater, Handwerk, Kreativität und Textilien bündeln und verbinden. „Und was meine Begeisterungsstürme betrifft, weiß ich heute, dass ich meine Pläne auch tatsächlich ausführen und zu Ende bringen kann“, fasst sie zusammen. „Und das Schöne an der Selbstständigkeit ist, dass ich meine Werkstatt so füllen kann, wie es mir entspricht. Mit diesen Räumlichkeiten hier in Hohenems und jedem einzelnen Teil, das ich hier erschaffe, schaffe ich ein Gleichgewicht zwischen meiner enormen Begeisterungsfähigkeit und konsequenter Umsetzung!“

Wir wünschen Lea Wimmer mit „Aurore et George“, dass dieser Spagat auch belohnt wird!

Verfasst im Februar 2018

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