Blick über die Grenze

„Momentaufnahme“: Tanja Valentinelli, Landwirtin und Lehrerin

Diesmal hat uns eine „Momentaufnahme“ einer Vorarlbergerin erreicht, die in der benachbarten Schweiz ihre Wahlheimat gefunden hat. Tanja Valentinelli ist Lehrerin und betreibt gemeinsam mit ihrem Mann eine Landwirtschaft. Die zweifache Mama beginnt ihr Schreiben mit ein paar (noch offenen gebliebenen) Fragen, die ihr beim Nachdenken über die „Corona-Krise“ durch den Kopf gehen:

Foto: ©Tanja Valentinelli

C.O.R.O.N.A

Was macht es mit uns, werden wir nach der „Krise“ wirklich bessere Menschen sein, wird es alles verändern, müssen alle Rechnungen sofort bezahlt werden (hab grad heute eine Menge einbezahlt, dass mir fast schlecht wurde), und und und.

Man hört nichts anderes und eigentlich will man sich nicht einschüchtern lassen. Und trotzdem ist man besorgt: Was ist mit den Liebsten, den Eltern, Schwiegereltern, mit Freunden, Nachbarn etc.?

Kinder, die einen besorgt fragen: „Haben wir noch genügend WC-Papier?“, nachdem sie im Fernsehen einen Bericht gesehen haben, wie man sich im Supermarkt wegen WC-Papier beinahe die Köpfe einschlägt. Meine Antwort: „Ja, und sonst machen wir es wie früher, anstatt Fernsehen alte Zeitungen klein schneiden :-).“ Ich bezweifle es, dass es in den Köpfen der Menschen anders wird, leider, obwohl ich Optimistin bin.

Kühe mit Hörnern

Zu meiner Person: Ich komme aus Dornbirn, bin Vorarlbergerin, seit fast 20 Jahren in der benachbarten Schweiz daheim, mit gutem Ausblick auf den „Karren“. Ich bin gelernte Oberstufenlehrerin und habe in den letzten Jahren mit schwierigen Kindern und Jugendlichen in Heimschulen gearbeitet.

Tanjas Familie; Foto: ©Tanja Valentinelli

Tanjas Familie; Foto: ©Tanja Valentinelli

Im Jahr 2013 kam mein erster Sohn zur Welt, 2015 mein zweiter. Der Große kam sechs Wochen zu früh zur Welt, davor musste ich fünf Wochen liegen. Er war 5 1/2 Wochen auf der Neonatologie.
Mein Mann ist Zimmermann und Landwirt, und wir haben einen Milchbetrieb. Wichtig zu betonen: unsere Kühe haben Hörner (meine Buben haben gesagt, dass ich dies schreiben muss).
Der Liebe wegen bin ich in die Landwirtschaft „reingerutscht“. Nein, das stimmt nicht ganz, ich war schon immer natur- und landwirtschaftsverbunden. Hatte eine Hundezucht.
Es war und ist immer noch nicht lustig, weniger Akzeptanz zu erfahren, wenn man angeblich nicht in der Landwirtschaft aufgewachsen ist…

Landwirtschaft mit angrenzendem Altersheim

Für die Kinder ist es schön auf dem Land aufzuwachsen. Der Ältere kannte schon als Dreijähriger alle Kühe per Namen und wusste, wo sie im Stall stehen. Er musste mich immer einweisen und sagen, wo welcher Platz im Stall ist. Wir haben einen Pachtbetrieb vom Kanton, der früher an ein Altersheim angegliedert war. Die ehemalige Heimleiterin hat das Heim geleitet, der Mann war Bauer, der auch dort aufgewachsen ist.
Nun sind diese beiden Bereiche getrennt. Unsere Buben sind dort aufgewachsen und kennen alle Leute vom Altersheim. Gerne sind sie mit ihrem Tret-Traktor beim Altersheim vorbeigesaust oder haben bei schönem Wetter mit den älteren Leuten draußen auf der Veranda gesessen und geplaudert, was nun – während der Coronazeit – verboten ist. Das fällt mir nun deutlich auf. Die ältere Generation vereinsamt, sie sind alleine, dürfen keinen Besuch empfangen.

Mundschutz für den Therapiehund

Foto: ©Tanja Valentinelli

Foto: ©Tanja Valentinelli

Und alle Mitarbeiter in den Spitälern und Altersheimen und anderen Institutionen sind mit Mundschutz ausgerüstet, was viele noch mehr verunsichert und Angst macht. Auch die verschiedenen Theorien, Gerüchte und was auch immer, ist belastend, gerade für die Älteren. Wir haben viele Bekannte, die im Pflegebereich etc. tätig sind. Auch für die ist es nicht lustig. Vor kurzem ist eine Kollegin von der Arbeit nach Hause gekommen und ein Foto geschickt, sie arbeitet im Behindertenbereich und ihr Therapiehund musste einen Mundschutz tragen.

Was bedeutet Corona für unsere Landwirtschaft?

Tiere können angeblich kein Corona übertragen. Wir haben – aktueller Stand – ca. 30, der Große weiß es besser…, drei Ziegen für die Kinder, zwei Hunde für die Mama und eine Katze, eigentlich gegen die Mäuse und für den Kleinen, aber mehr nun für die Mama. (Sie schläft jetzt grad neben mir ;-))

Natürlich müssen weiterhin Rechnungen bezahlt werden. Ständig erhält man irgendwelche Mails vom Milchabnehmer, dass die Milchpreise gesunken sind. Wegen mangelnder Nachfrage. Aber das war vor Corona schon so…

Foto: ©Tanja Valentinelli

Foto: ©Tanja Valentinelli

Drei Mal pro Woche haben wir Milchausgabe bei uns zu Hause. Entweder stellen die Menschen ihre Milchkanne hin mit Angabe der gewünschten der Milchmenge oder ich bekomme eine SMS oder ein What’sApp. Leider sind nun viele verunsichert, was schade ist. Ich achte drauf, dass es keinen direkten Kontakt gibt, weil doch viele Angst haben. Auch wurde ich schon gefragt, ob man per Einzahlungsschein oder E-Banking bezahlen kann. Normalerweise bezahlen die meisten sofort oder aber Ende des Monats mit Bargeld.

Was bedeutet Corona für unsere Kinder?

Sie sind traurig, dass sie ihre Kindergarten- und Spielgruppenkollegen nicht treffen dürfen. Viele Geburtstagsfeste fallen aus. Wir schreiben aber Nachrichten und telefonieren. Sie sind traurig, dass sie die Omas, Gottis und Göttis nicht besuchen können.

Foto: ©Tanja Valentinelli

Foto: ©Tanja Valentinelli

Es gibt selbst im Kindergarten Hausaufgaben. Ich kenne mittlerweile alle Osterhasenlieder und Bastelanleitung für die dazugehörige Rassel. Ich frage mich nur, mit welcher WC-Rolle ich die Rassel basteln soll?

Und das Leben geht weiter. Der Große hat heute seinen ersten Zahn verloren. Er fragte, wie er ihn endlich loswerden könnte und ich hab ihn wie nach alter Großvater-Weisheit gesagt, wir nehmen einen Faden. Hat leider nicht funktioniert, haben auf eine kleine Beißzange umgestellt. Nur ein Scherz ;-)

Tanja Valentinelli,
aufgewachsen in der Vorderachmühle, Dornbirn.

Liebe Tanja, es war schön, eine Schulfreundin nach Jahrzehnten zumindest online wieder einmal zu sehen. Danke für deine Momentaufnahme und alles Gute! Claudia

2 Kommentare
  1. Annett Rusch
    Annett Rusch sagte:

    Hallo Tanja, toller Bericht von dir. Wenn die Grenzen offen wieder sind freue ich mich auf einen Besuch bei dir. Liabs Grüßle Annett

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  2. Daniela Rainer
    Daniela Rainer sagte:

    Hallo Tanja, ich habe heute gerade den Dachboden von meiner Mama ausgeräumt und dabei lustige Fotos von uns gefunden. Daher habe ich dich gegoogelt und bin auf diesen tollen Bericht gestossen. Ich freue mich für dich, dass du so eine tolle Familie hast und die 2Jungs sind ja zum Fressen. Liebe Grüße Dani und würde mich sehr freuen, von dir zu hören.

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