Heike Fink

Älplerin und Altenpflegerin

Ein Porträt von Daniela Alge

Sie ist Älplerin und Altenpflegerin, leitet den Mobilen Hilfsdienst in Mellau, ist Ehefrau und Mutter von vier Kindern. Sie liebt Menschen, sie liebt Musik, sie liebt die Alpzeit, sie mag Schifahren und Bergsteigen, Touren gehen, draußen sein. Sie engagiert sich vielseitig, ehrenamtlich, ist mittendrin und live dabei, und hinterlässt bei mir doch das Gefühl, es auch ganz gut auch eine Weile nur mit sich selbst auszuhalten. Und in dieser Ruhe vielleicht ein Gedicht zu schreiben.

Heike wohnt mit ihrer Familie in einem gemütlichen Holzhaus oberhalb ihrer Heimatgemeinde Mellau. Erste Sonnenstrahlen fallen durchs Fenster auf den großen Holztisch. Der Blick hinaus zeigt das Dorf im Tal noch dunkel im Schatten liegend, schneeweiß angezuckert die Kanisfluh und das Schigebiet vor der Haustür. Der frisch gekochte Tee dampft aus den Blaurand-Tassen und der Duft der selbstgepflückten Alpenteekräuter lässt sogleich Erinnerungen an den eben erst vergangenen Alpsommer aufkommen.

Das Älplerleben – eine Herausforderung

Seit einundzwanzig Jahren verbringt Heike jeden Sommer auf der Alp. Anfangs mehr zufällig und überrumpelt, dann Jahr für Jahr ganz bewusst mit ihrem Freund und späteren Ehemann Johannes, der das Älplerblut von Geburt an sich trägt und heute in seiner Werkstatt Glocken und kunstvolle Lederriemen für Kühe und Rinder anfertigt. Nach der Hochzeit 2003 gesellten sich in relativ kurzer Zeit vier Kinder dazu. Die Alpsommer damals waren nicht immer einfach und unkompliziert, als die heute schulpflichtigen Kinder alle noch ganz klein waren.

Mit kleinen Kindern auf der Alp; Foto: ©Heike Fink

Mit kleinen Kindern auf der Alp; Foto: ©Heike Fink

Es gab Tage und Wochen auf der nur durch einen strammen Fußmarsch erreichbaren Hochalp, in denen Heike betrübt auf den Matsch rund um die Hütte starrte, auf all die schmutzigen Matschhosen, Gummistiefel und Stirnbänder. Mit vier kleinen Kindern saß sie in der einfachen Stube und schaute voller Sehnsucht mit dem Fernglas nach Au und Schoppernau hinunter. In diesen Momenten beneidete sie die jungen Mütter, die bei schönem Wetter mit schicken Kinderwagen durchs Dorf spazierten. Das wollte sie auch. Statt Bergschuhe, ein Kind vorne, eins in der Rückentrage und zwei an der Hand und dann durch den Matsch zu stapfen. Manchmal half es in diesen Momenten, einfach leise ein Lied anzustimmen.

Alte Menschen und Musik

Denn die Musik macht Heike schon immer Freude. Als Kind lernte sie, die Zither zu spielen, welche sie als Teenager dann gern zu Geld gemacht hätte. Da war es schon cooler, in der Schule die Klasse auf dem E-Bass begleiten zu dürfen. Sie lernte Gitarre spielen, brachte sich das Handorgelspiel bei. Probiert immer wieder was Neues aus. Diese Lust und Freude und der Spaß am Musizieren machte es ihr im Arbeitsleben leicht, zu den alten Menschen einen besonders tiefen und innigen Zugang zu finden.

Heike Fink liebt die Musik; Foto: ©Heike Fink

Heike Fink liebt die Musik; Foto: ©Heike Fink

Nach der Altenpflegeschule in Innsbruck arbeitet sie im Vinzenzheim in Bezau und im Altersheim in Langenegg. Gerade dort sang sie jeden Nachmittag mit den Bewohnern. Es war faszinierend für Heike: Viele Demenzkranke, denen so viele Erinnerungen verloren gingen, konnten jeden Liedtext auswenig und sangen fehlerfrei die zweite Stimme dazu. Musik verbindet. Über alle Grenzen und Einschränkungen hinweg. Ebenso wie ihre Erzählungen vom Älplerleben. Das Arbeiten mit Tieren in der Natur berührt in allen Zuhörern eine Seite, die sie noch von früher kennen. Ein Neunzigjähriger aus dem Altersheim besaß noch einen ganz alten Traktor. Mit dem kam er sie mehrmals im Sommer auf der Alpe Rubach besuchen, wo sie vier Sommer verbrachte.

Familienleben auf der Alp

Seit fünfzehn Jahren ist sie nun mit Johannes auf der Alpe Gräsalp. Jedes Jahr Anfang Juni macht Heike gemeinsamen Großputz, alles wird ordentlich und sauber hinterlassen, um im Herbst wieder gern heimzukehren und Waschmaschine, Bodenheizung und das eigene Bett wieder richtig wertschätzen zu können. Rituale wie dieser Putztag helfen, einen Lebensabschnitt abzuschließen und wieder neu beginnen zu können. Auch für ihre Kinder hält sie dieses bewusste Abschied nehmen für wichtig. Entgegen vieler Medienberichte hatten die Kinder der Familie Fink noch nie Probleme damit, die Schule drei oder gar vier Wochen früher zu verlassen. Vielleicht auch deshalb, weil es Heike wichtig ist, einen wertschätzenden, freundlichen Abschluss zu gestalten und nicht nur lapidar zu sagen: „Ab morgen bin ich weg.“

Familienleben auf der Alp; Foto: ©Heike Fink

Familienleben auf der Alp; Foto: ©Heike Fink

So wie früher Verwandte und Freunde halfen, die kleinen Kinder auf die Alpe zu tragen, so helfen sie heute, die vielen Instrumente aller Familienmitglieder auf die Hochalp zu schleppen. Gemeinsam als Familie Musik zu machen – auf der Alp findet man Lust und Zeit dazu. Es gibt schlicht kaum Alternativen oder Ablenkungen. Alle Kinder haben allerdings ihre eigenen Aufgaben, ihre Verantwortungsbereiche. Alle arbeiten und helfen mit, sie brauchen keine zusätzlichen Helfer mehr. Besucher kommen oft mit eigenen Instrumenten und Noten, und die Musik klingt manchmal vermutlich bis ins Tal.

Heute kann Heike die Alpzeit so richtig genießen. Das Sozialzentrum Bezau und der Krankenpflegeverein Mellau richten es jeweils so ein, dass sie den Sommer über wirklich frei hat, und ihre Aufgaben in guten Händen weiß. Sie ist frei und ungebunden, kann hinauf auf die Berge wandern, wenn ihr danach ist, zu den Tieren sitzen, Teekräuter sammeln und die Gedanken fliegen lassen.

Familienleben auf der Alp; Foto: ©Heike Fink

Familienleben auf der Alp; Foto: ©Heike Fink

Und wenn die Tage langsam kürzer werden, dann freut sie sich aufs Heimziehen. Der Tag des Alpabtriebs ist einer der Wichtigsten im Jahreskreislauf. Der Tag, an dem Heike ihre Tränen nicht zurückhalten kann. Tränen der Freude, Tränen des Stolzes, Tränen der Wehmut und solche, die ihre enge Verbundenheit mit den Freunden und Verwandten im Tal ausdrücken wollen.

Älplerleben; Foto: ©Heike Fink

Älplerleben; Foto: ©Heike Fink

Wenn die gesamte Familie in Lederhosen und mit Rosmarin auf den Hüten mit dem geschmückten Vieh Richtung Mellau zieht und am Ortseingang von allen Schülern und Lehrern der Volksschule mit eine La ola Welle begrüßt werden, dann geht allen das Herz ganz weit auf. Und wenn Heike dann die Alten sieht, die sich mit Rollstuhl und Rollatoren durch die Schaulustigen ganz nach vorne gedrängt haben, dann möchte sie am liebsten alle gleichzeitig in den Arm nehmen.

Diese Alpzeit ist einfach besonders. Und am besten bringt uns dies Heike selber nah. Denn dieses Gedicht (Heike Fink; 21. September 2018) sagt wohl mehr, als ich hier mit vielen weiteren Worten beschreiben könnte:

I wett do Summr nomal zruck,
am liobschto jeda Tag a Schtuck.
I wett geen d’Schealla wiedr höro,
und niomen sött mi d’rbi schtöro.

I wettod wiedr d’Zid zum leoso
i müsst ned allad uffo Beoso,
mät blibo oafach a deom Oat,
wau d’Luft v’rblaust minn Soarga foat;

Wau s’Wassr no na Wassr schmeckt,
minn Oug all Tag eotz Nü’s entdeckt,
wau Zid zum musiziero langot,
wau d’Pfanna a d’r Wond dumm hangod;
wau i do Tag seolb plano ka,
und i an Schlauf tuor winn i ma.

I wettod wiedr d’Milk is G’schirr,
und zue’loano a das Tier,
und s’gonz Jauhr – he das wär soo supr,
minn der ogo Älplarbuttr.

I wettod wiedr d‘ Zid zum schribo,
bis fascht i’d Naht bim Veh duss blibo;
und kocho mit am Appetit
ned jeda Tag a andrs G’ritt.

I merks – as wär das oafach Leobo
für mi der allargröschte Seogo,
well: ned im „hea“ sondern im „sinn“
kan i werkle glückle sinn.

verfasst im Oktober 2018

von Daniela Alge:

Die gebürtige Bregenzerwälderin lebt als Schriftstellerin und Landwirtin im Allgäu. Die Zeit zum Schreiben nimmt sich die dreifache Mutter nach Feierabend, wenn Familie und Vieh versorgt sind. Ihre Krimis sind im Verlag „Federfrei“ erschienen.

In ihrem jüngsten Werk „Gamsfreiheit“ erzählt sie – gemeinsam mit Fotografin Ursula Dünser – in Wort und Schwarzweiß-Fotografie vom Älplerleben in Vorarlberg.

Hier gehts zum „Schwarz auf Weiß“-Porträt über Daniela Alge.

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