Birgit Rietzler

(Mundart-)Autorin

Die Bregenzerwälderin schreibt Gedichte und Geschichten, verfasst Besonderes für besondere Anlässe und Gesellschaftskritisches, wenn es einmal nötig ist – und das alles mit Vorliebe im Dialekt. Nebenher leitet Birgit Rietzler Workshops für Menschen, die gerne schreiben und solche, die es lernen wollen. Sie selbst hat vier Bücher publiziert und zahlreiche Texte in Anthologien, Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht. Zu ihren Lesungen kommen längst nicht mehr nur Zuhörer aus dem „Would“. Die meist mit einem Augenzwinkern und in Häppchen servierten Mundartgedichte haben eine Fangemeinde quer durch alle Dialektinteressierten im ganzen Land.

Wir treffen Birgit Rietzler für unser „Schwarz auf Weiß“-Interview quasi in ihrer „Dichterstube“: An ihrem Küchentisch in ihrem Haus in Au im Hinteren Bregenzerwald sind nämlich zahlreiche ihrer Werke entstanden. Neben dem Essenkochen, neben der Hausarbeit: „Ich bin keine klassische Berufsautorin“, erklärt die dreifache Mutter, während sie uns selbst gemachten Tee aus selbst gepflückten Kräutern serviert. „Für mich ist die Freude am Schreiben das Allerwichtigste. Und ich bin zu einem großen Teil eine Idealistin. Sonst könnte ich nicht machen, was ich mache. Ich gebe mein Gedankengut hinaus in eine Welt, in der so viel Negatives verbreitet wird. Ich bleibe in meinen Texten zwar bei der Realität, aber ich bin so veranlagt, dass ich sehr Vieles auch von der positiven und sogar humorvollen Seite sehen kann. Auch die schwierigen Zeiten.“ Und diese Veranlagung hatte Birgit Rietzler bereits als Kind:

Titelbild: ©Friedrich Böhringer

Pflegefamilie mit neun Kindern

Birgit Rietzler ist als sechs Wochen altes Baby in eine Pflegefamilie in Schoppernau gekommen und dort aufgewachsen. Es war eine Familie, die selbst neun eigene Kinder hatte. „Ich bin da in diesem Haufen groß geworden und hatte nie das Gefühl, dass ich anders behandelt worden wäre als die anderen Kinder“, erzählt die Bregenzerwälderin offen. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass man mir gegenüber einen Unterschied gemacht hätte. Aber ich habe gewusst, dass ich ein Pflegekind war. Und das war auch sehr wichtig für mich. Das habe ich auch im Rückblick immer wieder festgestellt. Es war von Beginn an eine Selbstverständlichkeit, und das war gut so.“

Auf der anderen Seite kann sich Birgit Rietzler noch gut daran erinnern, dass sie als Kind auch eine tief sitzende Angst in sich hatte, dass man sie wieder abholt und aus der Familie herausnimmt: „Es war ja immer wieder einmal jemand von der Fürsorge da, um nach mir zu sehen. Irgendwann waren einmal andere Pflegeeltern im Gespräch. Und deshalb hatte ich danach immer diese tief vergrabene Angst. Als eines Tages ein mir ganz fremdes Auto vor unserem Haus stand, habe ich mir eingeredet, dass man mich jetzt holen kommt.“ Die kleine Birgit hat sich einen ganzen Tag lang versteckt. Geschwister und Nachbarskinder haben ihr dabei geholfen und sich mit ihr versteckt: „Das war richtig schön von ihnen! Sie haben alle mit mir hinter einem Haus ausgeharrt. So lange, bis das Auto (eines Waschmittelvertreters, wie ich später erfuhr…), wieder verschwunden ist. Ich wollte da einfach nicht mehr weg. Das war mein Zuhause. Das waren meine Geschwister.“

Plötzlich stand ich meinem Bruder gegenüber

Später, im Lauf ihres Lebens, hat Birgit Rietzler ihre leiblichen Geschwister kennen gelernt. „Das hat niemand forciert, es ist dem Leben überlassen worden. Ich habe einen nach der anderen kennengelernt – den letzten erst vor zehn Jahren“, erzählt die Ende 50-Jährige, „und den ersten in einem Alter von zehn Jahren“. Birgit Rietzler hatte damals gerade an der Hauptschule in der Nachbargemeinde Au begonnen, als sie von älteren Mitschülern darüber aufgeklärt wurde, dass sie einen Bruder hat, der dieselbe Schule besucht: „Wir hatten denselben Nachnamen und haben uns auch richtig ähnlich gesehen. Die Schüler haben uns im Pausenhof voreinander hingestellt und zu mir gesagt: Das ist dein Bruder. Und das war es dann. Damit hat man uns allein gelassen. Ich stand einfach da und habe ihn angesehen. Wir haben uns auf Anhieb gemocht. Es war eine Verbindung da, die auch bis heute geblieben ist.“
Ihr Bruder Friedrich, auch „Fred“ genannt, ist im Kinderdorf zwei Kilometer von ihrer Pflegefamilie entfernt aufgewachsen. Die beiden hatten bis zu diesem Schultag nichts voneinander gewusst. „Ich durfte ihn danach besuchen, und er hat mich besucht. Das war‘s, da hat niemand weiter darauf reagiert, niemand hat mit uns darüber gesprochen. Das haben wir als selbstverständlich hingenommen. Ich denke, das ist eine Gabe von Kindern, von mir jedenfalls ganz bestimmt.“
Birgit Rietzler empfindet es deshalb als großes Glück, dass sie bereits als Kind über ihre Herkunft Bescheid gewusst hat. „Ich habe es auch immer akzeptiert, mir gedacht: So ist es jetzt eben.“

Die eigenen Wurzeln kennenlernen

Und diese Eigenschaft, die Dinge des Lebens anzunehmen, hat sie sich bis heute bewahrt. „Es ergibt sich vieles von selbst, wenn andere Menschen nicht bewusst dagegen wirken und dazwischenfunken. Dann macht man instinktiv das Richtige, so jedenfalls habe ich es erlebt.“ Heute steht Birgit Rietzler zwar nicht mit allen ihren sechs leiblichen Geschwistern in Kontakt, aber dort, wo es möglich ist, bestehen schöne Verbindungen, „und das passt gut für mich“, nickt sie.

Als Birgit Rietzler 17 Jahre alt war, hat sie auch ihre Großeltern väterlicherseits kennen gelernt: „Sie sind eines Tages ganz ohne Vorankündigung an meiner Arbeitsstelle im Tourismusbüro aufgetaucht. Das war für mich eine Riesenfreude! Es war ein Traum, der sich erfüllt hatte. Die beiden waren mir von Anfang an sympathisch. Wir hatten eine tolle Verbindung zueinander. Es hat mir gut getan, meine eigenen Wurzeln kennen zu lernen. Endlich hatte ich einen Anhaltspunkt, Menschen, die ich fragen konnte: Wie? Wo? Was? Warum? – Das war wichtig für mich. Ich habe alles meinem Bruder Fred erzählt, und auch er durfte danach seine Großeltern kennenlernen.“

Wild und rebellisch

Innerhalb ihrer Pflegefamilie war Birgit Rietzler die zweitjüngste. Ihre Pflegegeschwister – sieben Schwestern und zwei Brüder – waren teils um einiges älter. Am meisten geprägt habe sie Waltraud: „Sie war schon als Kind eine Rädelsführerin, temperamentvoll, intelligent. Sie hat mir viel geholfen. Als ich in die Volksschule gekommen bin, waren meine Pflegeeltern schon ziemlich alt, und deren Rolle haben die älteren Geschwister automatisch übernommen. Waltraud hat ganze Nachmittage lang mit mir gelernt und mich mit allerhand Tricks dazu gebracht, meine Hausaufgaben zu machen, wenn es notwendig war. Ich habe ihr viel zu verdanken…“
Besonders als Jugendliche sei nämlich immer wieder auch ihre „wilde Seite“ zum Vorschein gekommen: „Ich habe dann gemerkt, dass ich ein wenig anderes Blut in den Adern hatte. Ich war rebellischer, habe mir meine Freiheiten erkämpft. Ich hätte es sonst nicht ausgehalten, war viel unterwegs, viel draußen: wollte Skifahren, auf Festveranstaltungen gehen, mit der Clique unterwegs sein, mich ausgeflippt anziehen, auf Konzerte gehen. Ich bin froh, dass ich mir diesen Kampfgeist immer bewahrt habe.“ Birgit Rietzler wollte ihre eigene Position finden und verteidigen. Gerade als Pflegekind: „Ich habe mein eigenes Wesen und das wollte ich auch nicht verstecken. Ich habe einen starken Willen. Den hatte ich immer schon. Der ist ganz sicher angeboren“, ist sie überzeugt.

Frauenbild vorgegeben

Daneben hat sie sich von den älteren Schwestern viel abgeschaut: „Das waren schon zu einem gewissen Maß auch wichtige Rollen- und Vorbilder“, weiß Birgit Rietzler heute: „Die meisten meiner Schwestern waren bald schon selbst Hausfrau und Mutter. Und das ist dann zunächst auch so etwas wie ein Idealbild für mich gewesen. Das war normal. Und ich hatte dieses Bild, dass das Hausfrau- und Muttersein die weibliche Aufgabe Nummer Eins ist, auch ganz lange als selbstverständlich angesehen.“
Dass sich die Männer nicht in den Haushalt einbinden, habe sie lange nicht einmal hinterfragt. – Bis ihre älteste Tochter geheiratet hat: „Da habe ich dann gesehen, dass die nächste Generation das ein wenig anders praktiziert“, erzählt Birgit Rietzler und muss ein wenig schmunzeln.

Der Drang, zu schreiben

Auch das Schreiben hat sie sich zunächst bei ihrer großen Schwester Waltraud abgeschaut, die Tagebuch geführt hat: „Das habe ich dann auch gemacht. Als Zehnjährige habe ich damit angefangen. Das war der Anfang meiner Schreiberei“, erzählt die Mundartautorin. „Ich habe sehr schnell ganze Hefte vollgeschrieben. Nicht nur über das, was ich gemacht und erlebt habe, sondern auch richtig ausgeschmückte Geschichte. Das hat mir von Beginn an gut gefallen, es war ein richtiger Drang.“

Zum Spaß hat Birgit Rietzler bereits zu Schulzeiten immer wieder humorvolle Gedichte zu allen möglichen Anlässen geschrieben. Die ersten „Opfer“ waren Lehrer und Mitschüler, was damals schon ziemlich gut angekommen ist: „Diese Art des Schreibens hat mich durchgehend begleitet. Ich habe für Familienfeiern und alle möglichen privaten und öffentlichen Veranstaltungen geschrieben. Ich habe geschrieben und geschrieben. Schachteln voll Tagebücher gefüllt.

Tagebuchsammlung verbrannt

Als Birgit Rietzler geheiratet hat und zu ihrem Mann nach Au gezogen ist, hat sie ihre Tagebuchsammlung mitgenommen und erweitert. „Auch als ich schon längst meine drei Kinder hatte, habe ich noch weiter Tagebuch geschrieben“, erinnert sie sich. Unermüdlich habe sie geschrieben, auch dann noch, als sie im Holzschindel-Betrieb ihres Mannes ganz ordentlich mit Arbeit eingespannt war: „Dann habe ich eben während des Kochens geschrieben. Oder morgens um fünf Uhr in der Früh. Oder spätabends. Das hat mir Energie gegeben, und ich konnte auch Energie abladen, zur Ruhe kommen. Ich habe es einfach gebraucht.“

Irgendwann sei sie dann allerdings hergegangen, hat alle ihre Tagebücher in den Ofen geworfen und verbrannt. „Und darüber bin ich heute noch froh“, erklärt sie postwendend: „Das war für mich einfach ein Loslösen von Vergangenem. Ich habe es ja alles im Kopf gespeichert. Da waren ganz viele Dinge dabei, die nur einem selbst gehören, die niemand anderer lesen sollte. Schreiben war zu Beginn für mich ein richtiger Selbstzweck“, denkt Birgit Rietzler laut nach: „Ganz bestimmt. Ich habe mich da immer auch selbst reflektiert. Darum wird das Schreiben für die Menschen auch immer etwas Wichtiges bleiben. Schreiben. Lesen. Und auch das Vorlesen, das ich übrigens sehr schätze und gerne mache.“

Nicht mehr für sich selbst, sondern für andere schreiben

*Lesung beim MundartMai 2018; Foto: ©Birgit Rietzler

Lesung beim MundartMai 2018; Foto:           ©Birgit Rietzler

Dieses Verbrennen ihrer Tagebücher hat Birgit Rietzler gut getan, hat ihr viel Platz verschafft. Platz, um auch um Bücher herauszugeben und damit nicht mehr hauptsächlich für sich zu scheiben sondern vermehrt auch für andere. „Das Schreiben für mich selbst habe ich damit abgeschlossen. Das Schreiben für die anderen Menschen hat mich auch hinausgebracht aus den eigenen vier Wänden. Die Menschen sind zu mir gekommen und haben mir erzählt. Das hat mir einen Weitblick verschafft. Schreiben muss also nichts Einsames sein! Im Gegenteil – mich hat es mit Leben umgeben“, erklärt die Mundartautorin, die sich seit ein paar Jahren nicht mehr als „Vielschreiberin“ bezeichnet.

„Ich habe ein Leben lang sehr viel geschrieben, habe haufenweise Texte erschaffen und dann auch wieder viel weg geworfen. Ich habe es übrigens nie bereut, immer wieder ausgemistet zu haben. Und ich weiß, dass es noch einiges gibt, das ich aussortieren muss“, bekräftigt sie.

Nicht jedes Dialektgedicht lässt sich übersetzen

Den Impuls zum Schreiben lässt Birgit Rietzler mittlerweile auf sich zukommen. Dieser innere Drang zum Schreiben ist größtenteils abgelöst worden von Impulsen, die von außen kommen. Wie beispielswiese jener Anstoß vergangenes Jahr: „Da hat mich die Schriftstellerin Annemarie Regensburger angesprochen. Sie ist Mitbegründerin des Wortraum Oberland in Imst in Tirol, ich kenne sie vom Internationalen Dialektinstitut. Ja“, lacht sie, „da gibt es noch mehr so Idealisten wie mich, die sich voll und ganz in die Mundart hängen, obwohl man da ja nur eine begrenze Leserschaft hat… Jedenfalls hat Annemarie gefragt, ob ich Interesse hätte, an einem ihrer Buchprojekt mitzuwirken.“ Dieses Projekt besteht aus einer Buchreihe, die Arbeiten von MundartautorInnen quer durch ganz Österreich versammelt. Das Spannende dabei: der jeweilige Dialekttext wird auch ins Hochdeutsche übersetzt. „Das hat mir so gefallen, ich habe das erste Buch mit Genuss gelesen, es war so richtig spannend“, schwärmt die Mundartautorin und war deshalb natürlich gleich dabei. Birgit Rietzler wird im zweiten Band dieser Reihe mit dem Titel „Eppes riahrt sig – Etwas rührt sich“ mit ihren Texten vertreten sein, der noch heuer, im Frühling 2019, erscheinen soll.

„Ich habe übrigens gemerkt, dass sich nur jedes vierte oder fünfte meiner Dialektgedichte dazu geeignet hat, in die deutsche Standardsprache übersetzt zu werden. Bei manchen geht das einfach nicht, weil es beispielsweise den Inhalt komplett verfremden würde“, erklärt Birgit Rietzler. „Und ich wollte zudem, dass auch die Übersetzung literarisch etwas hergibt. Es sollte auch in der Übersetzung Poesie, Melodie und Charme mitklingen. Ich habe mich so richtig hineingekniet.“

Energie und Rückzug

Birgit Rietzler hat gemerkt, dass sie über einen gewissen Zeitraum ganz viel Energie aufwenden kann, wenn sie an etwas arbeitet, das sie in ihren Bann gezogen hat: „Ich verausgabe mich dann richtig und merke es währenddessen nicht einmal. Dann bin ganz in meinem Element. Danach bin ich so richtig müde. Es ist eine mentale Anstrengung, die mich auch körperlich richtig Kraft kostet. Danach brauche ich eine Pause. Ich bewundere jene Künstler, die ununterbrochen dran sind und das Jahre- und Jahrzehntelang durchziehen.“
Birgit Rietzler sucht zwischendurch immer wieder den Rückzug und ist dann richtig froh, dass sie im Hinteren Bregenzerwald zuhause ist, also nicht ganz so einfach und schnell erreichbar: „Ich ziehe mich dann zurück in mein Häuschen und widme mich voll und ganz ausschließlich meiner Familie und mir selbst. Mein Nest ist einfach hier. Ich fliege ganz gerne raus – aber dann auch immer wieder gerne zurück.“ Den Ausgleich findet Birgit Rietzler vor allem in der Natur, die ihr Kraft gibt: „Ohne meine Spaziergänge und Wanderungen würde ich regelrecht zusammensacken. In der Natur bekomme den Kopf frei. Ich gehe deshalb am liebsten allein. Und spontan. Da kann ich mit allen Sinnen in der Natur sein: ich will hören, riechen und sehen. Und nicht immer quatschen“, lacht sie.

Bildinformation:
*“Abhängen“ und Gedanken loslassen: Birgit Rietzler mag die wilde Natur;
Foto: ©Birgit Rietzler
*Schreibabenteuer Subersach: Wenn Schreiben zum Abenteuer wird;
Foto: ©Birgit Rietzler

Wiebr, Mä und Gogozäh

Birgit Rietzler hat ganz zu Beginn ihrer Schreibkarriere übrigens Gedichte in deutscher Standardsprache geschrieben. Der Impuls zur Dialektschreiberei kam zufällig. Von außen: „Menschen haben mich gefragt, ob ich zu den unterschiedlichen Anlässen nicht Texte in Mundart schreiben könnte. Es wäre mir selbst zuerst gar nicht in den Sinn gekommen, im Dialekt zu schreiben! Die wesentlichen Sachen denkt man sich einfach nicht aus, die kommen auf einen zu…“ – So wie der Anstoß zu ihrem ersten Buch: Im Anschluss an eine Lesung gemeinsam mit den beiden Urgesteinen der Bregenzerwälder Mundartdichter – Kaspar Troy und Othmar Mennel – kam die Frage nach einem eigenen Buch. “Othmar Mennel hat dann sogar beim Hecht-Verlag in Hard vorgesprochen und sich für mich eingesetzt“, freut sich Birgit Rietzler noch heute. Ihr Erstlingswerk „Wiebr, Mä und Gogozäh“ war bald darauf erfolgreich auf dem Markt. Weitere drei Bücher sind bis dato gefolgt. (hier geht’s zur Homepage der Autorin).

Birgit Rietzler ist eine von jenen Autoren im Land, die damals eine Lücke in der Vorarlberger Mundartdichtung geschlossen haben: „Vor mir waren Autoren, die rund 30 Jahre älter waren. Nach ihnen kam lang nichts. Und dann meine Generation. Ich habe viel Zuspruch bekommen“, erinnert sie sich dankbar: „Vor allem aus dem Bregenzerwald. Für mich trifft er also so gar nicht zu, jener Spruch mit dem Propheten, der im eigenen Land nichts gilt…“ Im Lauf der Zeit sind sogar Vorarlberger Musiker auf Birgit Rietzler zugekommen und haben ihre Texte vertont. Spannend sind die musikalischen Interpretationen unter anderem von Uli Troy, Anton & Philipp Lingg, Martina Breznik (hier geht’s zum „Schwarz auf Weiß“-Porträt über Martina Breznik) und Armin Bonner.

Positive Realität in die Welt tragen

Birgit Rietzler nimmt die Themen auf, die ihr begegnen. Sie beobachtet. „Und wenn es mich beschäftigt, dann rührt sich etwas in mir. Es muss in mir arbeiten, damit ich etwas zu Papier bringen kann.“ Und das kann durchaus auch gesellschaftskritisch sein. Birgit Rietzler serviert ihre Gedanken dann gerne in kleinen Worthäppchen, garniert mit einem Schuss Humor: „Ich sehe mir immer verschiedene Seiten an – und ich finde sehr oft etwas Positives. Ich habe mir selbst in meinem Leben oft genug sagen müssen: Ist eben so, sieh es von der positives Seite und mach das Beste draus! In meinen Texten findet sich immer wieder ein humorvoller Anstrich, ein Augenzwinkern. Das erheitert mich dann selbst, wenn ich beim Schreiben merke, dass diese Seite von mir wieder an die Oberfläche tritt. Es gibt mir eine gewisse Leichtigkeit. Trotzdem kann ich bei der Wahrheit bleiben und das weitergeben, was mir wichtig ist.“

Freude am Schreiben vermitteln

Die Mundartautorin selbst war lange eine Autodidaktin, hat sich ihre Schreibmethoden zunächst selbst angeeignet, vieles eigenständig entwickelt. Erst später sind Kurse und Ausbildungen dazu gekommen – wie etwa jene beim „Berufsverband Österreichischer SchreibpädagogInnen“: „Ich hätte nie gedacht, dass ich das irgendwann einmal machen würde. Aber die Kinder waren aus dem Haus, mein Mann in Pension – damit ist auch meine Arbeit im Betrieb komplett weggefallen – es hat also gerade ganz wunderbar in mein Leben gepasst. Ich freue mich sehr, dass ich mein Wissen und meine Begeisterung heute weiter geben kann.“

Bildinformation:
*“Die Quintenetten“ – von links nach rechts: Birgit Rietzler, Brigitta Warnach, Tina Bader, Betty Bubla und Claudia Dabringer;
Eine Österreichische Künstlervereinigung, die 2012 und 2013 mit einer speziellen Leseperformance unterwegs war. Die Gruppe ist aus der Ausbildung zur Schreibpädagogin bei der „Wiener Schreibpädagogik“ entstanden und hat ihr Programm unter der Leitung von Petra Ganglbauer aufgestellt;
Foto: ©Birgit Rietzler
*Leseperformance mit den „Quintenetten“ im Schlosspark von Schloss Kittsee im Burgenland 2012;
Foto: ©Birgit Rietzler

Junge Talente fördern

Birgit Rietzler hat im Zuge des Projektes „Junge Szene bei Literatur Vorarlberg“ Schreibgruppen mit jugendlichen Talenten im Bregenzerwald betreut und ihnen die Lust zum Schreiben vermittelt. Daraus ist eine feste Gruppe von Teenagern entstanden, die fünf Jahren lang regelmäßig an ihren Workshops teilgenommen hat. „Jetzt sind sie erwachsen und in alle Winde verstreut. Hin und wieder nehmen sie an einem meiner Erwachsenen- Schreibwerkstätten teil, die ca. alle zwei Monate stattfinden. Die Teilnehmer dort sind zwischen 18 und 80 Jahre alt und profitieren alle voneinander. Diese Mischung ist sehr befruchtend“, freut sich Birgit Rietzler.

Bildinformation:
*Mit Jugendlichen, die in Birgit Rietzlers Schreibworkshops Spaß am Dialektschreiben haben, beim ORF Heimatherbst 2018.
Von links nach rechts: Birgit Rietzler, Marcel Bader, Alexandra Zünd, Julia Gridling;
Foto: ©Birgit Rietzler
*Schreibworkshops in St. Arbogast – Lust auf neue Inspiration und Kreatives Schreiben verbinden die TeilnehmerInnen, die zu Birgit Rietzlers Schreibtagen in St. Arbogast kommen;
Foto: ©Birgit Rietzler
*Workshop für Junge Szene – Auch ihre Junge-Szene-SchreiberInnen hat Birgit Rietzler gerne einmal zum Schreiben in die Natur entführt. Hier in der Argenschlucht in Au;
Foto: ©Birgit Rietzler
*Frischer Wind im MundartMai 2018 –eine Veranstaltung mit jungen MundartautorenInnen und junger Musik aus dem Bregenzerwald . Leitung und Moderation: Birgit Rietzler. Veranstalter: Ulrich Gabriel, „Unartproduktion“ Dornbirn;
Foto: ©Rainer Feurstein

Ehrenamtliche Leseoma

Neben ihren Workshops, ihren Lesungen und dem Schreiben neuer Texte, arbeitet Birgit Rietzler einmal im Monat ehrenamtlich als Lesepatin in der örtlichen Bücherei: Sie liest Kindern im Alter zwischen drei und fünf Jahren sowie deren Eltern für die Caritas-Aktion „Vorlesen für Kleinkinder – ganz Ohr“ aus Kinderbüchern vor: „Ich bin fasziniert, wie gut die Jüngsten zuhören können. Es ist fast immer mucksmäuschenstill, wenn ich lese. Die Kinder sind so gespannt und konzentriert, auch wenn mehrere sind. Ich staune immer wieder über die Dreijährigen, die mir im Anschluss alles nacherzählen können.“

„Zwergenbüchi“: Jeden letzten Freitag im Monat in der Bücherei in Au. Kinderbücher lesen, erzählen und erleben mit Birgit Rietzler. Für Kinder von ca. drei bis fünf Jahren in Begleitung. Foto: ©Birgit Rietzler;

Es sei ihr ein Anliegen, auf die Bedeutung von Lesen und Vorlesen aufmerksam zu machen, erklärt Birgit Rietzler: „Ich finde es so wichtig, den Mamas und Papas zu zeigen, wie man ein Buch vorliest, dass es den Kleinen Spaß macht. Man muss die Menschen manchmal ein bisschen anstupsen, um die Freude am Buch zu wecken. Ich habe erkannt, dass man den Spaß am Kinderbuch oftmals zuerst den Eltern vermitteln muss…“
Birgit Rietzler empfindet es als sehr bereichernd, wenn sie ihre eigene Faszination am Schreiben und Lesen weiter vermitteln kann. „Denn das beantwortet mir sogar meine eigene Sinnfrage, warum ich mich so gerne – auf welche Weise auch immer – mit dem geschriebenen Wort befasse.“

Verfasst im Februar 2019

Nachtrag in unseren News

Herbst 2019:

Da rührt sich was! – oder wie es weiter östlich von Vorarlberg heißt: „Eppes riahrt sig“! Unter diesem Titel hat  Birgit Rietzler nun gemeinsam mit zwei Autorinnen aus dem Waldviertel und dem Tiroler Oberland ein Dialektbuch veröffentlicht. Die Bregenzerwälder (Mundart-)Dichterin hat sich – wie bereits in unserem Porträt angekündigt – mit Lea Jehle und Christiana Pucher zusammen getan und ein gemeinsames Werk erschaffen.
Weitere Infos hier!

2 Kommentare
  1. Fred Böhringer
    Fred Böhringer sagte:

    Hallo Zusammen,
    ich finde euren Blog richtig toll und sehr spannend, welche Geschichten unsere Frauen im Land erzählen und erleben. So auch dieses Portrait von meiner Schwester. Es ist erstaunlich und äusserst wertschätzend was unsere Frauen oft, neben Familie und Beruf noch alles leisten. Da zähle ich meine liebe Frau genau so dazu wie alle, die alleinerziehend ihr Leben meistern. Allerhöchsten Respekt und liebe Grüsse, Fred (Friedrich) Böhringer

    Antworten
    • schwarz-auf-weiss
      schwarz-auf-weiss sagte:

      Lieber Fred,
      wie schön, diese Zeilen von Birgits Bruder zu lesen. Herzlichen Dank für diesen motivierenden Kommentar, das tut gut!
      Weiterhin viel Freude beim Lesen und alles Gute!
      Angelika, Claudia und Elisabeth

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